Seuchengeschichte
Cholera - Seuchengeschichte

Portrait eines Cholerakranken 1832

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Das Krankheitsbild

Die Cholera in London 1832

Das asiatische Ungeheuer"

Die Cholera in München 1836

Die Cholera in Europa 1830 bis 1837

Weitere Pandemien

Contumaz und Räucherkasten in Preußen

Ueber die Verbreitungsweise der Cholera"
Die Cholera in Berlin 1831 Die Cholera in Hamburg 1892

Die Cholera in Wien 1831

Die siebte Pandemie

Das Krankheitsbild

Die Cholera ist eine Erkrankung der Darmschleimhaut, die zu permanentem Erbrechen und Durchfall führt. Der stetige Wasserverlust bewirkt die innere Austrocknung des Körpers und den Verlust lebenswichtiger Mineralien. Ohne Behandlung sterben bis zu zwei Drittel aller Erkrankten innerhalb von ein bis sechs Tagen. Hervorgerufen wird die Cholera durch eine Infektion mit dem Vibrio cholerae, einem im Wasser lebenden Bakterium, das gegen Austrocknung empfindlich ist. In Süßwasser sowie auf feuchtem Untergrund, teilweise auch in Salzwasser, kann es jedoch wochenlang überleben und sich vermehren. Mittels kontaminierten Wassers oder kontaminierter Lebensmittel gelangt es in den Körper, vermehrt sich dort massenhaft im Darm und wird anschließend mit den Dejekten des Kranken ausgeschieden. Nicht jede Infektion führt zwangsläufig zu einer Erkrankung. Fünf- bis zehnmal so häufig wie zum voll ausgebildeten Krankheitsbild führt eine Infektion nur zu leichten Durchfällen oder zu gar keinen Beschwerden. Auch symptomfreie Keimträger können die Krankheit weiterverbreiten, was stets über den Stuhl von Keimträgern erfolgt. Gelangen deren Fäzes undesinfiziert in die Wasserversorgung einer Siedlung, kommt es meist zu einem explosionsartigen Anstieg der Erkrankungen innerhalb kürzester Zeit. Weniger dramatisch verlaufen Kontaktinfektionen, bei denen mit Dejekten verunreinigte Gegenstände wie z.B. Kleidung oder Bettlaken die Quelle der Infektion bilden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren diese Fakten allerdings noch lange nicht bekannt; sowohl hinsichtlich der Epidemiologie als auch der Pathologie der Krankheit tappte man lange Zeit im dunkeln. Erst die Entdeckung des Vibrio cholerae durch Robert Koch in den Jahren 1883/84 führte nach jahrzehntelangen Spekulationen zu wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen.

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Das asiatische Ungeheuer"

Vermutlich war die Cholera in Bengalen, im Mündungsdelta von Brahmaputra und Ganges, schon seit Jahrhunderten endemisch. Sowohl in Sanskritschriften aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. als auch in Aufzeichnungen europäischer Besucher aus dem 16. Jahrhundert n. Chr. findet sich ihr Krankheitsbild beschrieben. Auch frühe Wanderungsbewegungen und ihr Auftreten in anderen Teilen Indiens, möglicherweise sogar in China, können festgestellt werden; insbesondere in den Jahren 1770 bis 1790 kam es gehäuft zu Choleraepidemien. Neu an dem Ausbruch von 1817 war jedoch zum einen, in welchem Ausmaße und mit welcher Geschwindigkeit die Cholera in den folgenden Jahren über ihr endemisches Gebiet hinaus verschleppt werden sollte, und zum anderen, daß sie nicht, wie zuvor, nur die indischen Parias, sondern auch die indische Oberschicht und die in Indien lebenden Europäer befiel. Während die Gründe für die Heftigkeit des Choleraausbruchs von 1817 im dunkeln liegen – begünstigend wirkten möglicherweise die außergewöhnlichen Wetterverhältnisse der beiden vorangehenden Jahre -, läßt sich die schnelle Verbreitung der Cholera über den ganzen Subkontinent und darüber hinaus als Folge der Konsolidierung der britischen Herrschaft in Indien erklären. Dieser Prozeß wurde begleitet von einer Beschleunigung und Intensivierung des menschlichen Verkehrs, von kriegerischen Verwicklungen und Truppenaushebungen im ganzen Land. Mit den sich dabei in kurzer Zeit quer über den Subkontinent bewegenden Menschenmassen wurde zugleich der Choleraerreger in zuvor nicht betroffene Gebiete eingeschleppt. Schon bei dieser ersten, von 1817 bis 1823 anhaltenden und noch deutlicher bei den späteren Pandemien zeigt sich, daß die Cholera zu ihrer Verbreitung und zu ihren verheerenden Auswirkungen an bestimmte Voraussetzungen geknüpft war, die erst im 19. Jahrhundert gegeben waren. Für ihre Wanderung nach Europa waren dies der Kolonialismus und die Zunahme der Menschen- und Warenströme Richtung Europa, in Europa selbst die Industrialisierung und ihre Begleiterscheinungen. Insbesondere die Entstehung von Großstädten mit unzureichender sanitärer Ausstattung und die Armut in den überbevölkerten Slums europäischer Städte boten der Seuche einen idealen Nährboden.

Bei allem Schrecken und aller Abscheu, den die aus Indien eintreffenden Krankenberichte – in denen Wadenkrämpfe, permanentes Erbrechen und reiswasserähnliche Körperausscheidungen die Hauptrolle spielten – in Europa ausgelöst haben mögen, bestand doch vorerst kein ernsthafter Grund zur Beunruhigung. Indien war weit entfernt. Ärzte wie James Boyle oder James Annesly sahen Heilungschancen in einer Therapie, die als „englische" Methode einige Jahre später auch die Behandlung der Cholera in Europa dominieren sollte. Sie bestand hauptsächlich im Aderlaß und in der Verabreichung von Opium und Calomel (Quecksilberchlorid). Zudem, und das war vermutlich noch beruhigender, kamen fast alle frühen Beobachter der Cholera zu dem Schluß, daß sie nicht den ansteckenden Krankheiten zuzuordnen und somit keine neue Pest sei. Verursacher der Krankheit seien vielmehr, so wiederum Boyle, giftige Sumpfdämpfe, die der Verwesungsprozeß in tropischem Klima mit sich bringe.

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Die Cholera in Europa 1830 bis 1837

Unerwarteterweise erreichten die Ausläufer des ersten Seuchenzugs jedoch die südöstliche Grenze Europas. Im September 1823 wurden in der russischen Stadt Astrachan an der Wolgamündung die ersten Cholerafälle bekannt. Da der Choleravibrio seine Vermehrungsfähigkeit bei einer Wassertemperatur unter etwa 10 Grad Celsius stark einbüßt, war es vermutlich der Wintereinbruch, der die Epidemie beendete und einer weiteren Ausbreitung der Cholera nach Westen Einhalt gebot. Karl Friedrich Vollrath Hoffmann hat auf seiner Anfang 1832 erschienenen Karte „Die morgenländische Brechruhr nach ihrem Zuge und ihrer Verbreitung, auf drei Karten bildlich dargestellt" diesen ersten Seuchenzug sehr genau wiedergegeben und die dabei befallenen Orte mit roter Farbe markiert. Sehr deutlich zeigt die Karte, daß die Cholera sich vorzugsweise entlang der großen Flußläufe vorwärtsbewegte; mit infiziertem Flußwasser gelangten die Krankheitskeime weiter stromabwärts.

Die zweite Pandemie erreichte 1830 Europa und endete erst im Jahre 1837. Die Eingangspforte nach Europa bildete wiederum das russische Reich. Der erste offizielle Cholerafall wurde diesmal im August 1829 aus der am Ural gelegenen Stadt Orenburg gemeldet. Ab dem Sommer 1830 bewegte sich die Cholera beunruhigend schnell in Richtung Norden, so daß man sich in St. Petersburg zum Handeln gezwungen sah. Durch ihren schnellen Vormarsch mittlerweile davon überzeugt, daß die Cholera den ansteckenden Krankheiten zuzuordnen sei, wurde mit einigen Modifikationen das ganze Arsenal von Maßnahmen in Aktion gesetzt, das im 17. und 18. Jahrhundert überall in Europa zur Abwehr der Pest entwickelt worden war. Militärkordons um infizierte Gebiete, Verhängung von Quarantänen und Häuserabsperrungen sowie Reinigung oder Räucherung verdächtiger Stoffe schienen die geeigneten Instrumentarien, die neue „Pest" zu stoppen. Trotz Quarantänebestimmungen und Militärkordons hatte die Cholera Mitte September 1830 Moskau erreicht und löste dort einen regelrechten Exodus aus. Die Flucht erschien den meisten das einzige wirklich erfolgversprechende Mittel gegen eine ansteckende Krankheit zu sein. Im Juni 1831 erreichte die Cholera schließlich trotz eines dreifachen Seuchenkordons St. Petersburg. Im Rahmen der polnischen Erhebung leisteten die seit Februar 1831 andauernden Kampfhandlungen zwischen polnischen und russischen Truppen aufgrund deren unzureichender hygienischer und ärztlicher Versorgung der Verbreitung der Cholera Vorschub. Die demoralisierende Wirkung, die die Krankheit auf beiden Seiten entfaltete, führte sogar zeitweilig zu einer Einstellung des Krieges. In Warschau selbst soll die Epidemie über 2.600 Tote gefordert haben; eine Gedenkmedaille erinnert an das Ende der Epidemie.

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Contumaz und Räucherkasten in Preußen

Seit Mai 1831 war die Einreise aus Polen nach Preußen nur noch an zwölf mit Contumazanstalten versehenen Grenzorten gestattet. Alle übrigen Grenzübergänge waren geschlossen, und längs der Grenze war Militär stationiert worden, das unerlaubte Grenzübertretungen mit Schußwaffengebrauch beantwortete. Je nachdem ob der Reisende aus von der Cholera befallenen oder nur aus der Cholera verdächtigen Gebieten kam, mußte er an der Grenze zwanzig oder zehn Tage Contumaz halten. Während dieser Zeit war er von jedem Kontakt mit der Außenwelt, aber auch von anderen Contumazisten abgeschnitten und mußte sich täglich untersuchen lassen. Erst nach der festgesetzten Frist konnte er, mit einem „Entlassungs-Schein" versehen, einreisen. Ohne diese Bestätigung durften Reisende seit Juni 1831 im Grenzgebiet weder privat noch in Gasthäusern beherbergt werden. Aber nicht nur Menschen standen unter dem Verdacht, den Krankheitserreger einzuschleppen. Auch Reisegepäck und andere Waren wurden in den Contumazanstalten genau begutachtet. In der Hoffnung, den Ansteckungsstoff damit zu vernichten, wurde das Gepäck je nach Art des Materials gewaschen oder mit Chlordämpfen geräuchert. Die Räucherung von Briefen und anderen die Grenze passierenden Dokumenten ließ sich mit geringerem technischem Aufwand bewerkstelligen. Zur Räucherung sahen die preußischen Behörden einen dreigeteilten hölzernen Kasten vor. In das oberste Fach legte man die zu desinfizierenden Papiere. Ganz unten wurden glühende Kohlen deponiert, die den in der Mitte plazierten Essig und ein aus Schwefel, Salpeter und Kleie bestehendes Räucherpulver zum Verdampfen bringen sollten. Nachdem die Briefe fünf Minuten geräuchert worden waren, wurden sie mit einer Pinzette herausgenommen, „mit einem Pfriemen vielfach durchstochen, bei besonders verdächtiger Beschaffenheit wohl auch zur Seite aufgeschnitten und dann wieder durch fünf Minuten in die Räuchermaschine gelegt", wie es in der preußischen Anweisung heißt. Mit einem solchen Pfriemen behandelte Briefe lassen sich an den charakteristischen Einstichlöchern leicht erkennen. Geräucherte Briefe wurden zudem mit einem Sanitätsstempel versehen.

Weder Räucherung noch Sperrkordon verhinderten jedoch, daß 1831 die Cholera nach Preußen eingeschleppt wurde. Danzig und Königsberg waren die ersten preußischen Städte, die, vermutlich über den Seeweg, infiziert worden waren. In Danzig verursachte die in der „Instruktion" befohlene Absperrung und Bewachung von Häusern mit Cholerakranken so immense Kosten, daß die Stadt nach einigen Wochen vor dem Ruin stand und auf Spenden aus allen Teilen des Königreichs angewiesen war. Gegen Ende der Epidemie mußten rund 1.000 Einwohner verpflegt werden, die zumeist gar nicht erkrankt waren, aber aufgrund der Häusersperren nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen konnten. An den befallenen Häusern wurden weiße Kreuze angebracht, Ärzte trugen gemäß der Empfehlung der „Instruktion" bei ihren Krankenbesuchen über ihrer gewöhnlichen Kleidung „einen Mantel von Wachstaffent oder Wachsleinwand", die Kranken wurden von grobschlächtigen Trägern, die sich vor einer Ansteckung durch Pfeifenrauchen zu schützen suchten, in das Lazarett gebracht.

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Die Cholera in Berlin 1831

Beim Herannahen der Cholera wurde Berlin in rund 60 „Schutzbezirke gegen die Cholera" unterteilt. Für jeden Bezirk wurde eine Kommission erstellt, die mindestens einen Arzt, einen Beamten mit exekutiver Polizeigewalt und meist auch den Vorsteher der jeweiligen Armenkommission umfaßte. Ihre Aufgabe bestand darin, die Wohnungen „der unbemittelteren Klasse und der Almosenempfänger, in Bezug auf Reinlichkeit, Gesundheits-Verhältnisse der Bewohner etc. durch ihre Deputirte zu revidiren". Dieser Schutzkommission durfte der Zutritt in die Wohnung nicht verwehrt werden, ihren Anordnungen war Folge zu leisten. Da die Häuserabsperrungen staatlicherseits mittlerweile zu Wohnungs- oder Zimmersperren reduziert worden waren, versuchte man in Berlin umso intensiver, auf andere Weise über jeden einzelnen Cholerafall Kontrolle zu haben und genau Buch zu führen. Jeder Hausverwalter mußte eine Liste aller Erkrankungen bei der zuständigen Schutzkommission einreichen. Ein herbeigerufener Arzt trug bei Choleraverdacht den Krankheitsfall seinerseits in ein Journal ein, das der zentralen Kommission zu übergeben war. Außerdem verfügte er vorübergehend eine Schließung des ganzen Hauses solange, bis alle angetroffenen Bewohner des Hauses und alle Personen, die in den letzten Tagen die Wohnung des Erkrankten frequentiert hatten, auf einem Formular namentlich erfaßt und eventuell zur weiteren Beobachtung in Contumaz gesetzt worden waren. Der Kranke konnte entweder in ein Hospital überführt oder in seiner Wohnung ärztlich betreut werden. Nach seiner Gesundung wurde der Kranke noch eine gewisse Zeit in Contumaz gesetzt, bevor er mit einem Entlassungs-Schein in sein normales Leben zurückkehren durfte. Wie eine zeitgenössische Karte zeigt, ereigneten sich zu Beginn der Epidemie die meisten Cholerafälle in der Nähe von stehenden oder kaum bewegten Gewässern, später konzentrierten sie sich in den Hospitälern; insgesamt waren die Armenviertel im Norden und Osten stärker als andere Stadtteile betroffen. Die Epidemie forderte in Berlin 1.462 Menschenleben, rund 0,6 % der damaligen Bevölkerung. Das prominenteste Opfer war der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der am 14. November 1831 in seiner Wohnung am Kupfergraben an der Cholera starb.

Portrait eines Cholerakranken 1832

Portrait eines Cholerakranken 1832

Krankheitsbild und Krankheitsverlauf standen in großem Gegensatz zu den bürgerlichen Vorstellungen von einem Leiden und Sterben in Würde. Unkontrollierbare Entleerungen und Muskelkrämpfe quälten den Patienten und seine Pfleger. Seine Haut verfärbte sich unnatürlich bleigrau, wurde faltig und naßkalt, die Augen sanken ein, der Patient wurde apathisch und sprach mit tonloser Stimme, der sogenannten „Vox cholerica". In übertriebener Form findet sich die Blaufärbung der Haut, das auffälligste Symptom, auf einem in Berlin entstandenen „Portrait eines 36jaehrigen Mannes, welcher seit 4 Tagen an der asphyctischen Form der asiatischen Cholera litt und 8 Stunden, nachdem er gemalt worden war, starb" wiedergegeben.

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Die Cholera in Wien 1831

Im November 1830 erschien auf allerhöchsten Befehl eine „Instruction fuer die Sanitaets=Behoerden, und fuer das bei den Contumaz=Anstalten verwendete Personale, zum Behufe die Graenzen der k.k. Oesterreichischen Staaten vor dem Einbruche der im kaiserlich Russischen Reiche herrschenden epidemischen Brechruhr (Cholera morbus) zu sichern, und im moeglichen Falle des Eindringens, ihre Verbreitung zu hemmen". Die Behörden errichteten an den Einfallstraßen Contumaz-Anstalten – die österreichische Bezeichnung für Quarantäne – und zwei große Sperrlinien, die ein Eindringen der Seuche verhindern sollten. Dieser Kordon war lückenlos militärisch besetzt, und nur gewisse Orte waren zum Durchzug für Menschen, Tiere und Waren bestimmt, aber auch hier mußte sich jeder Durchreisende einer 10 bis 20 Tage andauernden Überwachung und Beobachtung unterziehen. Die Cholera übersprang alle sanitären Kordone. Die ersten Brechdurchfälle ereigneten sich in Wien in der Inneren Stadt zwischen dem 10. und 15. August 1831, bald danach in voneinander weit entfernten Teilen der Vorstädte. Nach 3 vorausgegangenen stürmischen und kalten Regentagen kam es vom 14. bis 19. September zum Kulminationspunkt. Franz Grillparzer vermerkte in seinem Tagebuch: „... als an einem Tage anderthalb Hundert erkrankten und verhältnismäßig viele daran starben und noch dazu alle aus den besseren Ständen, ward das Entsetzen allgemein". Bei einer Einwohnerzahl von 330.000 und bei 4.362 registrierten Erkrankungen starben bei dieser ersten Cholera-Epidemie in Wien 2.188 Menschen.

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Die Cholera in London 1832

Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde die Cholera von Hamburg aus nach England eingeschleppt. Wie in ganz England, so verlief auch in London, das im Februar 1832 von der Cholera erreicht wurde, die Epidemie 1831/32 aufgrund der fortgeschrittenen kalten Jahreszeit, die die Vermehrungsfähigkeit des Choleraerregers minderte, relativ mild. Trotzdem ist London ein frühes und interessantes Beispiel dafür, welche Rolle unterschiedliche Wasserversorgungssysteme bei sonst gleichen Bedingungen bei der Verbreitung der Cholera spielten. Im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Metropolen verfügte London zu dieser Zeit schon über ein gut ausgebautes Wasserleitungssystem, an das knapp 180.000 Haushalte und Anwesen angeschlossen waren. Betrieben wurden die acht voneinander unabhängigen Wasserwerke von mehreren privaten Firmen, die ihr Wasser der Themse entnahmen und direkt in die Leitungen pumpten. In die Themse mündete aber auch das ungeklärte Abwasser der Stadt, das mit der sukzessiven Einführung des Wasserklosetts enorm an Quantität zugenommen hatte. Während der Choleraepidemie sollte sich die technische Ausstattung einzelner Wassergesellschaften mit Filter- oder Sedimentierungsanlagen, noch stärker aber die Lage der einzelnen Wasserentnahmestellen an der Themse in einer stark variierenden Sterblichkeit widerspiegeln. Am höchsten war sie im Stadtteil Southwark, der von den „Southwark Water Works" mit Wasser versorgt wurde. Diese Gesellschaft entnahm ihr Wasser direkt gegenüber eines Hauptausflusses der Londoner Kanalisation und pumpte es ungeklärt zum Verbraucher. Waren Choleraerreger mit den Dejekten eines Erkrankten über die Abwasserkanäle erst einmal in die Themse gelangt, so bestand hohe Wahrscheinlichkeit, daß sie mittels der Wasserleitungen der „Southwark Water Works" in deren gesamten Versorgungsbereich verteilt wurden.

Mit einer Gesamtmortalität von 0,34 % lag London aber dennoch weit unter anderen europäischen Großstädten, insbesondere unter Paris, das mit 18.402 Toten eine Rate von über 2 % aufwies.

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Die Cholera in München 1836

Über Spanien und Südfrankreich erreichte die Cholera 1835 Italien, um von dort aus ein zweites Mal nach Deutschland einzudringen. Anfang August 1836 wurden Cholerafälle im bayerisch-österreichischen Grenzort Mittenwald gemeldet, kurz darauf in München. Ungewöhnlich war hier die soziale Verteilung der Cholerafälle. So ist dem „Generalbericht" über die Epidemie zu entnehmen, daß „vorzugsweise die bemittelte und höhere Klasse der Bewohner es war, die am häufigsten und heftigsten, und die ärmere, die im Verhältniß am wenigsten von der Seuche befallen wurde". Zu Häufungen kam es in der dicht bebauten Altstadt, in der Nähe von Stadtbächen sowie in Kasernen und Krankenhäusern. Zur größeren Anfälligkeit der „bemittelten und höheren Klasse" meinte eine Münchner Zeitung: „Diese Thatsache erklärt sich durch von den Minderbemittelten Klassen mit ungetheiltem Eifer benutzte Offizial-Fürsorge, im Gegenhalt zu der Nicht-Aufmerksamkeit einzelner bemittelter Personen auf die hochgesteigerte Intensität des hiesigen Brechruhr-Charakters." Mit der „Offizial-Fürsorge" ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen angesprochen, das die Münchner Behörden getroffen hatten. Neuartig war vor allem die Einrichtung von zwanzig öffentlichen Besuchsanstalten, die rund um die Uhr mit jeweils zwei Ärzten besetzt waren. Diese versorgten die Bevölkerung kostenlos mit Arzneien, behandelten ambulant, konnten aber bei schweren Fällen ins Haus gerufen werden. Bei ihren Besuchen in den Armenwohnungen nahmen die Ärzte die übliche Liste der Mißstände wahr: „überfüllte, ungesunde, unreinliche, kalte Wohnungen; Mangel an gehöriger Bekleidung, an Bettfournituren, an gesunder Nahrung, Verwahrlosung bei leichten Krankheitsfällen". Durch eine Vielzahl karitativer Einrichtungen und Spenden schien es in München allerdings möglich, diesen Mißständen, natürlich nur sofern sie bekannt wurden, abzuhelfen. Die Armensterblichkeit wurde vermutlich auch dadurch gesenkt, daß mangelhafte und unzureichende Nahrung als eine Hauptursache der Krankheit erkannt worden war. Als Gegenmaßnahmen führte man eine strenge Aufsicht über das Nahrungsgewerbe ein und errichtete mehrere Suppenanstalten, die verbilligt oder kostenlos warme Mahlzeiten abgaben. Das Gedenkblatt „Convalescentia" begrüßt die Wiederkehr der „Gesundheit", die wieder „Stand-Quartier in Bayern" halten solle. Mit den Ausrufen „Heil dem König! Heil der Staats-Regierung! Heil dem Vatterlande!" schließt sich der Maler anderen zeitgenössischen Berichten an, die stets das Engagement des Königs und des Staatsministers des Inneren, Fürst von Oettingen-Wallerstein, lobend hervorhoben.

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Weitere Pandemien

Kaum waren die letzten Ausläufer der zweiten Cholerapandemie 1837 erloschen, so wurde aus Bengalen ein erneuter schwerer Seuchenausbruch gemeldet. An ihn schloß sich die dritte Pandemie (1840-1860) an, die 1847 Europa erreichte und in zwei Wellen bis 1854 anhielt. Auch von der vierten (1863-1875), fünften (1881-1896) und sechsten Pandemie (1899-1923) sollten weite Teile Europas betroffen werden, während es von der siebten, heute noch andauernden Pandemie (ab 1936) bis auf eingeschleppte Einzelfälle verschont blieb.

Allein Berlin wurde in 42 Jahren zwischen 1831 und 1873 dreizehnmal von der Cholera heimgesucht. In ganz Preußen waren die Epidemien von 1848/49, 1852, 1855 und 1866 besonders schwer; bei der letztgenannten starben offiziell 114.683 Menschen an der Cholera. Flächendeckend wurde Deutschland zum letzten Mal im Jahre 1873 von der Cholera erfaßt. In Süddeutschland hatte vor allem München schwer zu leiden.

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Ueber die Verbreitungsweise der Cholera"

Obwohl sie fast gleichzeitig arbeiteten, kamen der Londoner Armenarzt John Snow und der Münchner Naturwissenschaftler und Mediziner Max von Pettenkofer in ihren fast gleichlautenden Arbeiten „Ueber die Verbreitungsweise der Cholera" (engl.: On the mode of communication of cholera) bzw. „Untersuchungen und Beobachtungen über die Verbreitung der Cholera" doch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Schon während der Londoner Epidemie von 1849 war Snow zu der Überzeugung gelangt, daß die Cholerainfektion mit einer Verunreinigung des Trinkwassers durch Fäkalien in Verbindung stehen müsse. Als es im Sommer 1854 innerhalb von wenigen Tagen zu einer Häufung von Cholera-Todesfällen im Umkreis der Straßenkreuzung Broad Street/Cambridge Street kam, fiel sein Verdacht sofort auf eine Verunreinigung des Wassers der vielbenutzten Straßenpumpe in der Broad Street. In mühseliger Kleinarbeit stellte er Nachforschungen über die Trinkgewohnheiten jedes einzelnen Choleraopfers an und konnte bei fast allen nachweisen, daß sie Wasser aus dieser Pumpe getrunken hatten. Ein noch schlagenderer Beweis für die Richtigkeit seiner Theorie war jedoch, daß sich auch Erkrankungen in anderen Teilen Londons auf dieses Wasser zurückführen ließen; so etwa bei einer an der Cholera verstorbenen Witwe aus dem Westend, die sich täglich eine große Flasche Wasser von der Pumpe in der Broad Street bringen ließ, da sie dessen Geschmack unglücklicherweise besonders schätzte. Aufgrund seiner Intervention beim zuständigen Kirchensprengel wurde die Pumpe sieben Tage nach Beginn des Choleraausbruchs stillgelegt und so weiteren Todesfällen vorgebeugt. Die zehn Jahre später entstandene Zeichnung von George John Pinwell mit dem Titel „Death`s Dispensary", die den Tod als Pumpenwärter zeigt, illustriert drastisch die Folgen verseuchten Trinkwassers.

Death`s dispensary 1866

Death`s dispensary 1866

Mit der Betonung der allein entscheidenden Rolle des Trinkwassers stieß Snow jedoch auf den Widerstand der modernen Stadthygienebewegung. Diese hatte sich etwa seit der Mitte des Jahrhunderts formiert und forderte eine verbesserte Entsorgung von Müll, Fäkalien und Abwässern. Nach Meinung ihrer Anhänger waren schlechte sanitäre Verhältnisse der wichtigste Grund für den Ausbruch von Choleraepidemien. Ihr bedeutendster Vertreter in Deutschland war Max von Pettenkofer. Nach Auswertung der Daten der Münchner Choleraepidemie von 1854 kam Pettenkofer zu dem Schluß, daß „die Cholera durch Entwicklung eines Gases bei Zersetzung flüssiger Excremententheile (gleichviel ob aus Harn oder Koth stammend) in feuchtem, porösem Erdreich (oder Stoffen welche dieses ersetzen) verursacht wird." Die Ansteckung erfolge über die Luft; eine Verbreitung der Krankheit über das Wasser hielt Pettenkofer für ausgeschlossen. Um weitere Epidemien zu verhindern und die gefährlichen menschlichen Ausscheidungsstoffe unschädlich zu machen, sei die Schließung von undichten Abtrittsgruben und die Einführung der Kanalisation geboten.

Die Frage, was genau denn nun eigentlich der Erreger der Cholera sei, ein Gift, ein Pilz oder ein winziges Tier, wurde mit der Entdeckung des „Komma-Bazillus" durch Robert Koch 1883 in Indien beantwortet. Fast ebenso wichtig wie diese Entdeckung – die übrigens dreißig Jahre vor ihm, ohne große Beachtung zu finden, schon der Italiener Filippo Pacini gemacht hatte – war sein Nachweis, daß dieser Bazillus von Keimträgern ausgeschieden wird und sich im Wasser vermehren und weiterverbreiten kann. Die Ergebnisse der Kochschen Expedition hatten weitreichende Folgen für die Choleravorsorge und –bekämpfung. Die Bodentheorie Pettenkofers war, auch wenn dieser sich bis zu seinem Tod hartnäckig sträubte, dies zur Kenntnis zu nehmen, widerlegt. Statt dessen galten jetzt als sicherste Vorsichtsmaßnahmen gegen einen Ausbruch der Cholera die Isolierung von Erkrankten und potentiellen Keimträgern, die Desinfektion ihrer Kleidung und Bettwäsche und das Abkochen von Trinkwasser.

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Die Cholera in Hamburg 1892

Trotz dieser Erkenntnisse kam es acht Jahre später in Hamburg zu einem katastrophalen Choleraausbruch, an dem 16.956 Personen erkrankten und 8.605 starben. Verantwortlich für den explosionsartigen Anstieg der Erkrankungen und Todesfälle in der letzten Augustwoche 1892 war die Verunreinigung der zentralen Wasserversorgung mit Choleravibrionen. Das der Elbe entnommene Leitungswasser wurde unzureichend gereinigt, weil man sich zwischen Senat und Bürgerschaft nicht über die Finanzierung einer Sandfiltrationsanlage einigen konnte. Die zentrale Entnahmestelle der „Stadtwasserkunst" lag zwar zwei Kilometer oberhalb der Stadt, wurde bei Flut jedoch regelmäßig mit verschmutztem Hafenwasser überschwemmt. Statt der unspektakulären Filtrieranlage befürworteten Senat und Bürgerschaft zur selben Zeit den Ausbau des für den Handel wichtigen Zollhafens und die Errichtung eines repräsentativen Rathauses. Der vom preußischen Gesundheitsminister nach Hamburg entsandte Robert Koch äußerte, geschockt von den dortigen Verhältnissen: „Meine Herren, ich vergesse, daß ich in Europa bin." In dem Zeitungsartikel „Hamburg, der Seuchenherd in Deutschland" kam er zu dem Fazit: „Ich habe hier gelernt, wie man einer Cholera-Epidemie nicht begegnen darf." Erst auf Vorhaltungen Kochs entschloß man sich zu Seuchenbekämpfungsmaßnahmen, die auf seinen Postulaten der Verbreitung des Choleraerregers beruhten. Mit Hilfe der Hamburger Sozialdemokratie, die sich in der Krise als die einzig halbwegs handlungsfähige Organisation erwies, wurde ein Flugblatt mit Vorsichtsmaßregeln an alle Haushalte verteilt. Eine ins Leben gerufene „Cholera-Commission" ließ überall in der Stadt Anschläge anbringen, die vor dem Genuß des verseuchten Elb- und Leitungswassers warnten.

Bekanntmachung 1892

Bekanntmachung 1892

Um die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser weiterhin sicherzustellen, ließ man 68 Wasserwagen durch die Stadt fahren und nahm 43 Stellen zum Abkochen von Wasser in Betrieb.

Wasserwagen 1892

Wasserwagen 1892

Ein weiterer Schwerpunkt war ein umfangreiches Desinfektionsprogramm. Anweisungen wurden erlassen, Häuser und Wohnungen, in denen sich Erkrankte aufgehalten hatten, von hastig zusammengestellten Desinfektionskolonnen gereinigt. Bettzeug und Kleidungsstücke wurden in spezielle Desinfektionsanstalten gebracht und dort behandelt. Über der ganzen Stadt hing bald ein durchdringender Geruch von Chlor, Lysol, Karbol und anderen Desinfektionsmitteln.

Wenig schmeichelhaft für Hamburg waren die offenkundigen Mängel und Versäumnisse, die jetzt vor der Weltöffentlichkeit ausgebreitet wurden. Ein Beispiel war die Unterversorgung der Stadt mit Krankenwagen. Zu Beginn der Epidemie mußten Kranke bis zu fünfzehn Stunden auf einen Transport in das Krankenhaus warten.

Krankentransport 1892

Krankentransport 1892

Die Kapazität der Hamburger Krankenhäuser war ebenfalls schnell erschöpft. Eilig wurden acht „Cholerabaracken" errichtet, die den Bedarf an Krankenbetten allerdings schon nach kurzer Zeit wiederum nicht mehr decken konnten. So mußten Notlazarette in Schulen eingerichtet und vom preußischen Heer sogar ein Feldlazarett entliehen werden. Nicht nur die Kranken, auch die Unzahl der Toten stellte die Verwaltung vor ungeahnte Transport- und Platzprobleme. Das Aufnahmevermögen der beiden Leichenhallen wurde bald gesprengt, so daß man dazu übergehen mußte, in den einzelnen Stadtteilen zusätzliche, notdürftig zusammengenagelte Leichenhäuser zu errichten. Im außerhalb gelegenen Friedhof Ohlsdorf arbeiteten 250 Totengräber Tag und Nacht im Schichtwechsel; rund um die Uhr fanden Beerdigungen in neu ausgehobenen Massengräbern statt.

Massengrab 1892

Massengrab 1892

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Die siebte Pandemie

Während die Geschichte der Cholera in Deutschland ebenso wie in den meisten anderen europäischen Staaten mit dem 19. Jahrhundert endet, sind in Entwicklungsländern Choleraausbrüche weiterhin eine permanent drohende Gefahr. Heute ist die Cholera nicht nur in ihrem Ursprungsland Indien, sondern in vielen anderen Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas endemisch geworden. Selbst Staaten mit verhältnismäßig guter Infrastruktur wurden in den letzten Jahren immer wieder von der Cholera bedroht. 1975 mußte in der Türkei vor der Gefahr einer Cholerainfektion gewarnt werden, die von verunreinigten Lebensmitteln ausging; in den Jahren nach 1990 wurden aus Rumänien wiederholt Cholerafälle gemeldet.

Auch Verschleppungen der Krankheit über Kontinente hinweg finden nach wie vor statt. Anfang 1991 gelangte die Cholera über den Pazifik zum erstenmal nach Südamerika und verursachte vor allem in Peru eine schwere Epidemie, an der über 300.000 Menschen erkrankten und fast 3.000 starben. Die Zahl der weltweit gemeldeten Cholerafälle stieg innerhalb eines Jahres von knapp 70.000 (1990) auf knapp 600.000 (1991).

In ihrem Rückblick auf die Cholerafälle des Jahres 1992 kam die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem ernüchternden Fazit: „Solange nicht erkennbare Fortschritte gemacht werden, um den Lebensstandard in den Entwicklungsländern zu heben, die Versorgung mit sauberem Wasser und ungefährlicher Nahrung sicherzustellen sowie die allgemeine sanitäre Situation zu verbessern, wird sich die siebte Cholerapandemie mit Sicherheit nicht beenden lassen."

Quelle: Auszüge aus dem Ausstellungsband „Das große Sterben – Seuchen machen Geschichte"

© 1995 Deutsches Hygiene-Museum Dresden

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