Seuchengeschichte
Pest - Seuchengeschichte

Schutzanzug Pestarzt Marseille, Kupferstich 1725

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Pest in der Antike

Lazarett und Quarantäne

Der Schwarze Tod in Europa 1347 bis 1353

Pestkordon und Kontumaz-Haus

Theorie, Therapie und Prophylaxe

Wiener Infektionsordnung 1679

Behördliche Seuchenbekämpfung

Letzte Pest in Europa 1720

Seuchenspionage

Dritte Pestpandemie

Pest in der Antike

Im Alten Testament der Bibel wird die Beulenplage als sechste von zehn Plagen geschildert, mit denen Gott sich Anerkennung durch den Pharao verschaffen wollte: „Er wird (...) an Mensch und Vieh Geschwüre mit aufplatzenden Blasen hervorrufen, in ganz Ägypten." (Ex. 9,9). Als Jahrhunderte später die Philister sich der Bundeslade des Volkes Israel bemächtigt hatten, bestrafte Gott der Herr den Frevel der Philister mit der gefürchteten Pest.

Pest von Asdod, Öl 1631

Pest von Asdod, Öl 1631

Die hastige Verlagerung der Bundeslade innerhalb des Städtebundes der Philister bewirkte nichts, denn überall machte die Hand Gottes „einen großen Schrecken mit Würgen in der ganzen Stadt. Und welche Leute nicht starben, die wurden geschlagen mit Beulen, daß das Geschrei der Stadt auf gen Himmel ging". Nach sieben Monaten empfahlen Weissager die Rücksendung der Bundeslade mit einem „Schuldopfer", einem Kästchen „mit fünf goldenen Beulen und fünf goldenen Mäusen". Zu den fünf Fürsten der Philister sprachen sie: „So macht nun Abbilder eurer Beulen und eurer Mäuse, die euer Land verderbt haben, daß ihr dem Gott Israels die Ehre gebet." (1. Sam. 6,5). Die Beschreibung einer Pestseuche im Buch des Propheten Samuel, die durch einen merkwürdigen Zufall der Überlieferung auf die wissenschaftlich erst viel später nachgewiesene Rolle kleiner Nager bei der Übertragung des Erregers „Yersinia pestis" bzw. „Pasteurella pestis" anzuspielen scheint, ist nicht das einzige Zeugnis für die Verbreitung pestartiger Epidemien in der antiken Welt. Der berühmte Bericht des Thukydides über die sozialen Auswirkungen der athenischen Pest von 429 v. Chr. fand seine literarische Nachahmung nicht nur am Hof Kaiser Justinians, sondern auch in dem Geschichtswerk des Johannes Kantakuzenos aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Dem griechischen Arzt Hippokrates sind bereits Beobachtungen zur Symptomatik und Theorien über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der Krankheit zu verdanken.

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Der Schwarze Tod in Europa 1347 bis 1353

Im Sommer 1347 gelangte die Pest von Zentralasien her nach Konstantinopel. Von dort wurde sie über Schiffe in die Hafenstädte des Mittelmeeres gebracht. Bereits Ende September trat sie in Messina auf, im November in Genua und Marseille, im Januar 1348 in Venedig und Pisa, im März in Florenz. Von diesen Städten ausgehend verbreitete sich die Seuche durch ganz Europa, und zwar von Messina in Richtung Süditalien, aber auch nach Nordafrika, und von Venedig und den Hafenstädten an der dalmatinischen Küste Richtung Osten und Norden, wo sie in der zweiten Hälfte des Jahres 1348 die Steiermark und im März 1349 Wien erreichte; gleichzeitig zog sie über Ungarn in Richtung Polen. Von Pisa breitete sie sich in Norditalien aus und von Genua und Marseille in Richtung Norden, Westen und Südwesten. Im Mai 1348 war Barcelona betroffen, im Juli Bordeaux, im August Paris und am Ende des Jahres Granada und Sevilla im Süden Spaniens und Calais an der französischen Kanalküste. Bereits im Sommer waren die ersten Fälle in England aufgetreten; in London begann die Pest im August. Seit Anfang 1349 war die Seuche aus Nordfrankreich in östlicher Richtung über den Rhein und aus Norditalien über die Schweiz nach Norden vorgedrungen und erreichte im Mai Basel, im August Frankfurt und im November Köln. Im nächsten Jahr, 1350, war sie in Hamburg, Bremen und Lübeck, in Magdeburg und in Danzig, um in den nächsten beiden Jahren weiter Richtung Nordosten zu wandern, wo in den Jahren 1352 und 1353 in Rußland die letzten Fälle dieser Epidemie bekannt wurden.

Für diesen Seuchenzug in der Mitte des 14. Jahrhunderts hat sich seit dem 17. Jahrhundert die Bezeichnung „Schwarzer Tod" durchgesetzt. Die Zeitgenossen sprachen von „magna mortalitas", dem „Großen Sterben", womit auf anschauliche Weise die ungewöhnlich hohe Zahl der Todesopfer in den Vordergrund gerückt wird, die die Pest in diesen fünf Jahren forderte. Diese Zahl läßt sich allerdings nur schätzen, wobei sich die Schätzungen um 30 % einer ebenfalls geschätzten europäischen Gesamtbevölkerung von 60 Millionen Menschen bewegen. So wissen wir zum Beispiel, daß in Lübeck 25 % der Hausbesitzer und 35 % der Ratsherren starben, in Perpignan 58 bis 68 % der Schreiber und Notare und daß in Albi die Zahl der Familienoberhäupter zwischen 1343 und 1357 von 2.669 auf 1.200, also um 55 % zurückging; in diesem letzten Fall konnte allerdings nachgewiesen werden, daß 62 % der Bewohner der Armenviertel starben, aber nur 21 % der Bewohner der „besseren" Stadtviertel. Die globale Schätzung von 30 % würde bedeuten, daß der Schwarze Tod etwa 18 Millionen Menschenleben forderte.

„Diese Pest", heißt es bei Bocaccio, dessen Text hier, wie auch sonst, als Beispiel genügen muß, „war deshalb so gewaltig, weil sie, wenn die Menschen miteinander verkehrten, von solchen, die bereits erkrankt waren, auf Gesunde übergriff, nicht anders als es das Feuer mit trockenen und fetten Dingen tut, wenn sie in seine Nähe gebracht werden. Und es kam noch schlimmer: Denn nicht nur das Sprechen oder der Umgang mit den Kranken infizierte die Gesunden mit der Krankheit und dem Keim des gemeinsamen Todes, sondern es zeigte sich, daß allein die Berührung der Kleider oder eines anderen Gegenstandes, den die Kranken angefaßt oder gebraucht hatten, den Berührenden mit dieser Seuche ansteckte." Andere gehen noch weiter und erklären, daß selbst durch Blickkontakt die Krankheit übertragen werden könne. Diese Behauptung stellte auch Guy de Chauliac auf, ein Leibarzt des Papstes Clemens VI., der Zeuge der Pest in Avignon wurde. Chauliac hat eine sehr genaue Beschreibung der Symptome und Verlaufsformen der beiden wichtigsten Formen der Pest gegeben: „Das große Sterben begann im Januar und dauerte sieben Monate. Man konnte zwei Krankheitsformen unterscheiden. Die erste zeigte sich in den ersten beiden Monaten mit anhaltendem Fieber und blutigem Auswurf. Alle starben innerhalb von drei Tagen. Die zweite Form ging ebenfalls mit ständigem Fieber einher, zeigte aber auch Geschwüre und Beulen auf der Körperoberfläche, zumal in der Achsel- und Leistengegend. Diese Kranken starben innerhalb von fünf Tagen. Diese Krankheit war so ansteckend, besonders die Form mit dem blutigen Auswurf, daß nicht nur ein Verweilen bei dem Kranken, sondern ein bloßer Blick schon zur Ansteckung genügte." Wir wissen heute, daß von einer Ansteckung durch Blickkontakt nicht die Rede sein kann. Chauliacs Beschreibung entspricht im übrigen jedoch den Tatsachen. Er unterscheidet richtig zwischen der Bubonenpest, bei der eine beulenförmige Schwellung der Lymphknoten auftritt und die innerhalb von drei bis fünf Tagen zum Tod führt, und der Lungenpest, die mit blutigem Sputum einhergeht und schon nach ein bis drei Tagen zum Tod führt. Während bei der Bubonenpest etwa 70 % der Erkrankten sterben, beträgt die Letalität bei der Lungenpest 100 %.

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Theorie, Therapie und Prophylaxe

Eine der ersten Theorien über die Entstehung der Seuche findet sich in dem Gutachten, das die Magister der medizinischen Fakultät der Universität Paris im Oktober 1348 auf die Bitte König Pillips VI. von Frankreich vorlegten. Die Pariser Magister führen die Pest auf eine Konjunktion der drei oberen Planeten Saturn, Jupiter und Mars am 20. März 1345 zurück. Der feuchte und heiße Jupiter in Beziehung zu Mars, der zwar trocken, aber ebenfalls heiß ist, habe von der Erde und dem Wasser üble Dämpfe aufsteigen lassen, die die Luft verdorben hätten. Diese verdorbene Luft, das Miasma, gelange durch die Atmung, aber auch durch die Poren, in den Körper, wo sie die feuchte Umgebung des Herzens, dem, wie dem Blut, die Qualitäten feucht und heiß zugeordnet sind, faulen lasse, wodurch die Pesterkrankung entstehe. Dieses in sich logische System, das noch mit einer Reihe Zusatzannahmen arbeitet, die aufzuzählen hier zu weit gehen würde, bot die Antwort auf zwei drängende Fragen. Zum einen die Frage, warum so viele Menschen gleichzeitig erkrankten, worauf die Theorie von der verdorbenen Luft, die alle atmen, eine plausible Antwort bot. Zum anderen die Frage, warum dann nicht alle erkrankten, die mit der individuellen Säftemischung beantwortet werden konnte. Diejenigen, bei denen das warme und feuchte Element überwog, waren besonders gefährdet.

Deshalb konzentrierten sich die prophylaktischen Vorschläge auf diätetische Vorschriften und Verhaltensmaßregeln, die vor allem darauf zielten, durch ausgewogene Ernährung keine Fehlmischung entstehen zu lassen, durch mäßige körperliche Bewegung jede Anstrengung zu vermeiden und z.B. durch den Verzicht auf das Bad nicht unnötig die Poren zu öffnen, durch die das Miasma in den Körper eindringen könne. Darüber hinaus gelte es, den richtigen Wohnort zu wählen.

Am allerbesten aber sei die Flucht. Dieses bereits von Hippokrates bei Epidemien empfohlene Mittel, nämlich sofort zu fliehen, und zwar möglichst weit weg, und so spät wie möglich zurückzukommen, empfehlen auch die Pariser Magister und im Laufe der nächsten Jahrhunderte die Verfasser zahlreicher Pestregimina. Im Januar 1473 brachte Heinrich Steinhöwel, Stadtarzt in Ulm von 1450 bis zu seinem Tod 1482, das „Buchlein der Ordnung" heraus. Darin heißt es, daß die Flucht aus der verpesteten Gegend das Beste sei: „Flüch bald, flüch ferr, kom spät herwieder, dann fürwar das sind drei nüzere Krüter." Dieser Ratschlag wurde immer wieder von denen befolgt, die es sich leisten konnten. So flohen im August 1562 Angehörige des Rats der Stadt Nürnberg und andere reiche Bürger kurz vor dem Höhepunkt einer Pestepidemie nach Nördlingen. Wer sich die Flucht nicht leisten konnte, und das war ohne Zweifel die Mehrheit, hatte die Möglichkeit, durch das Verbrennen von Kräuter- und Gewürzmischungen gegen das Miasma vorzugehen, wozu eigene Räucherpfannen entwickelt wurden. Als Antidotium schließlich, als Gegengift, galt das Theriak als besonders wirkungsvoll, eine komplizierte Mischung aus Opiaten und Schlangengiften, getrocknetem Krötenpulver und vielem anderen. Der „Brief an die Frau von Plauen" gibt Regeln für pestspezifischen Aderlaß, indem den „Haupt-Gliedern" Hirn, Herz und Leber die Achsel-, Hals- und Leisten-Lymphknoten zugeordnet werden. Bubonen, die sich an diesen Stellen bilden, werden als Reinigungsversuche des jeweiligen Haupt-Gliedes gedeutet, mit denen die Pestmaterie nach außen abgestoßen werden soll und die durch Aderlaß an der dem jeweiligen Haupt-Glied zugeordneten Vene unterstützt werden können. Zum Aderlaß kamen Inzision und Kauterisieren, also das Aufschneiden und das Aufbrennen von Bubonen. Dies sollte wie der Aderlaß den Reinigungsversuch des jeweiligen Haupt-Gliedes unterstützen, verdankte sich aber sicher auch der Beobachtung, daß Pestkranke, deren Bubonen aufbrachen, wesentlich verbesserte Überlebenschancen hatten.

Incision von Bubonen, Holzschnitt 1482

Incision von Bubonen, Holzschnitt 1482

Arzt am Bett eines Pestkranken, Venedig 1500

Der Holzschnitt von 1500 ist die vielleicht älteste Darstellung, auf der ein Arzt zu sehen ist, der Schutzmaßnahmen ergriffen hat. Der Arzt, der den Puls des Patienten fühlt, hält sich einen mit Essig getränkten Schwamm vor Mund und Nase; der Patient ist höher gelagert, da nach der Miasma-Lehre die Kontagien nach oben steigen, so daß die Luft im unteren Raumbereich weniger gefährlich ist. Die beiden Pagen, die den Arzt begleiten, halten brennende Fackeln, die in die obere Raumhälfte reichen und deren Rauch das Pestgift vertreiben soll. Einer der beiden Pagen hält in einem Korb das zugedeckte Harnglas, das zu diagnostischen Zwecken gebraucht wurde.

Eine Schutzbekleidung für Pestärzte kam Anfang des 17. Jahrhunderts in Gebrauch. Sie soll auf Charles Delorme zurückgehen, der Leibarzt mehrerer französischer Könige war und während der Pestepidemie 1619 in Paris ein langes, vom Hals bis zu den Knöcheln reichendes weites Gewand aus weichem Leder trug. Delorme erfand eine Maske dazu, die mit einer Nase in Form eines etwa 15 cm langen Schnabels ausgestattet war, in die Riechstoffe gefüllt wurden, die, ähnlich wie der mit Essig gefüllte Schwamm in den Jahrhunderten zuvor, die Atemluft vom Pestgift reinigen sollten. Ergänzt wurde dieser Aufzug durch eine Brille mit Kristallgläsern, die vor der vermuteten Ansteckung durch Blickkontakt Schutz zu versprechen schien.

Schutzanzug Pestarzt Marseille, Kupferstich 1725

Schutzanzug Pestarzt Marseille, Kupferstich 1725

Vom Einsatz des Schutzanzugs während der letzten großen europäischen Epidemie 1720 in Marseille legt der kolorierte Kupferstich von 1725 Zeugnis ab. Das Leder erfüllte den Zweck, undurchlässig für die vergiftete Luft zu sein und von so glatter Oberfläche, daß das Pestgift keinen Halt daran finden konnte. Der Stab, den die „Schnabel-Doktoren" tragen, diente weder dazu, auf kranke Personen zu zeigen noch dazu, den Kranken aus sicherem Abstand den Puls fühlen zu können. Laut behördlicher Vorschrift mußten nicht nur die Pestärzte, sondern auch andere Personen, die Umgang mit Pestkranken hatten, einen weißen oder roten Stab als Erkennungszeichen in der Hand tragen.

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Behördliche Seuchenbekämpfung

Nachdem im Frühjahr 1348 in Florenz erste Nachrichten über die Pest in Messina und in Pisa eingetroffen waren, ließen die Behörden die bereits seit Jahren bestehenden Gesundheitsvorschriften wiederholt öffentlich bekanntmachen. Deren Bestimmungen regelten die Reinhaltung der Straßen und Häuser, die Beseitigung von Abfällen und die Einhaltung hygienischer Vorschriften beim Lebensmittelverkauf. Als Anfang April deutlich wurde, daß diese Maßnahmen nicht ausreichten, die Pest von der Stadt fernzuhalten, und als der öffentliche Notstand sich bereits abzuzeichnen begann, wurde am 11. des Monats eine Sonderkommission gebildet, der acht prominente Bewohner der Stadt angehörten und deren Aufgabe es war, unter Androhung drakonischer Strafen die Einhaltung der Sanitätsvorschriften zu überwachen. Erst etwa ein Jahrhundert später und nach einer ganzen Reihe katastrophaler Pesterfahrungen ging man dazu über, permanente Behörden einzurichten, deren Hauptaufgabe der Schutz der Stadt vor der Pest war. Die bekannteste Institution geht auf den Beschluß des venezianischen Senats vom 7. Januar 1486 zurück, einen „Magistrato della sanità" unter der Leitung dreier „Proveditori alla sanità" zu gründen; die drei Proveditoren sollten jedes Jahr aus den Mitgliedern des Senats gewählt werden. Die Befugnisse dieses Gesundheitsmagistrats waren außerordentlich, da er nicht nur das Recht hatte, Gesetze zu erlassen, sondern auch das Recht, deren Einhaltung zu überwachen und deren Übertretung zu bestrafen, und da ihm zunehmend immer weitere Bereiche der öffentlichen Verwaltung unterstellt wurden. Neben der Aufsicht über den gesamten Lebensmittelhandel und die Wasserversorgung, die Abfallbeseitigung und das medizinische Personal fielen die Überwachung der „Unterbringung von Fremden", der „Bettler und der Krankenhäuser", der „Dirnen und Kuppler" und schließlich noch der Juden in seine Kompetenz.

Der venezianische Gesundheitsmagistrat dürfte Vorbild für eine ganze Reihe ähnlicher Behörden gewesen sein, die gegen Ende des 15. Jahrhunderts in norditalienischen Städten errichtet wurden und die sich im 16. und 17. Jahrhundert schließlich auch in Frankreich, der Schweiz und einigen süddeutschen Städten finden. Auch wenn diese bei weitem nicht die weitreichenden Kompetenzen des venezianischen Vorbildes hatten, waren ihre Aufgaben und Probleme als Krisenmanager in Pestzeiten sehr ähnlich. Zunächst galt es, Personal bereitzustellen, das die Erkrankten ausfindig machte, registrierte und schließlich isolierte, was zumeist und in vielen Städten auch nach der Einrichtung von Pesthäusern schlicht bedeutete, daß die Kranken zusammen mit den gesunden Bewohnern im Haus eingeschlossen und durch Nachbarn oder eigens bestellte Personen mit Lebensmitteln versorgt wurden, die in gehörigem Abstand vom Haus, das mit einem Kreuz, einem weißen Tuch oder einem anderen Zeichen markiert wurde, deponiert werden mußten. Im Todesfall mußte die Leiche beseitigt werden, eine Aufgabe, die Leichenträgern zufiel, an denen es wegen der hohen mit dieser Aufgabe verbundenen Sterblichkeit oft schnell mangelte. Dieser Mangel machte sich umso empfindlicher bemerkbar, als die täglich zu beseitigende Leichenmenge erheblich war; diese Menge wiederum machte die Bereitstellung zusätzlicher Begräbnisplätze notwendig, wobei den Behörden auch die Aufgabe zufiel, darüber zu wachen, daß die Leichen tief genug bestattet würden. Die Häuser, in denen ein Todesfall vorkam, wurden drei bis vier Wochen gesperrt und vor der Öffnung ausgeräuchert und mit Essigwasser ausgewaschen. Die Kleidungsstücke und Gegenstände, die der Tote getragen hatte oder mit denen er in Berührung gekommen war, wurden entweder einer Reinigungs- und Räucherprozedur unterzogen oder verbrannt.

Das Prinzip der Isolierung wurde auch auf andere Bereiche des kommunalen Lebens ausgedehnt. In der Regel enthalten die von den Gesundheitsmagistraten oder anderen städtischen oder landesherrlichen Behörden erlassenen Pestordnungen das Verbot öffentlicher Versammlungen und Veranstaltungen, zu denen Jahrmärkte, Kirchweihfeste und Tanzabende ebenso gehörten wie Prozessionen und gelegentlich sogar Messen. Wegen der letztgenannten Maßnahmen exkommunizierte der Papst 1630 alle Mitglieder des Gesundheitsmagistrats von Florenz. Gesundheitsbeamte der englischen Grafschaft Kent stellten 1644 mit Entsetzen fest, daß die Bewohner einer wegen der Pest abgesperrten Stadt zu Hunderten in den Kirchen nicht-infizierter Nachbarstädte zu finden waren.

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Seuchenspionage

Im Lauf des 15. Jahrhunderts wurden, wieder zuerst in norditalienischen Städten, Verfahren entwickelt, die den Aufbau eines dichten Informationsnetzwerks nach sich zogen. War von einer Stadt oder Region bekannt, daß die Pest in ihr grassierte, wurde der Bann verhängt, d.h. weder Personen noch Waren aus dieser Stadt oder Region durften in die bannende Stadt einreisen. Reisende, die in die Stadt wollten, mußten mit einem Gesundheitspaß nachweisen, daß sie aus einer unverseuchten Gegend kamen. Dieses System funktionierte selbstverständlich nur, wenn man frühzeitig über zuverlässige Nachrichten verfügen konnte. Zu diesem Zweck bildete sich zwischen den Behörden der Städte und Regionen ein umfangreicher Briefwechsel aus, in dem man sich nicht nur wechselseitig Rechenschaft ablegte über die Lage in der eigenen Stadt, sondern auch Informationen über Dritte austauschte; um die so gewonnenen Nachrichten zu ergänzen und auch jede mögliche Informationslücke zu füllen, wurden außerdem die Konsulate und Gesandtschaften angewiesen, regelmäßig Berichte zu erstatten. Darüber hinaus wurden Einzelpersonen beauftragt, vor Ort in verdeckter Mission Informationen über die Lage zu beschaffen, ein Verfahren, das man ohne weiteres als „Seuchenspionage" bezeichnen kann und das seinen Grund im Mißtrauen der Behörden, vielleicht aber auch ein wenig in der Selbsterkenntnis hatte. Im Bereich der überregionalen und internationalen Handelsbeziehungen nämlich verhielten sich die Repräsentanten der Städte nicht anders als einzelne ihrer Bürger, die Pestfälle in der Familie zu verschweigen suchten. War in einer Stadt die Pest ausgebrochen, versuchten die Behörden so lange wie möglich diese Tatsache zu verheimlichen, ein Ziel, dem auch das Verbot des Glockenläutens und der Trauerversammlungen diente. Als im Winter 1678 in Wien die ersten Pestfälle auftraten, protestierten die Ärzte der medizinischen Fakultät der Universität energisch und öffentlich gegen die Vertuschungspolitik der Behörden; als während der Epidemie des Jahres 1576 zwei Ärzte der Universität Padua erklärten, die Seuche, die in Venedig herrsche, sei nicht die Pest, scheuten die Behörden keine Kosten und Mühe, die beiden Ärzte nach Venedig zu bringen, damit sie in aufwendigen Prozeduren die Richtigkeit ihrer Behauptung beweisen könnten.

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Lazarett und Quarantäne

Der Versuch, das „Commercium" so wenig wie möglich zu kränken, ohne zugleich die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu vernachlässigen, steht auch am Ursprung einer Einrichtung, die seit dem 17. Jahrhundert als „Quarantäne" (Absonderung für quaranta, italienisch vierzig Tage) bekannt ist. Am 27. Juli 1377 beschloß der Stadtrat von Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, alle Personen und Waren, die aus einer Gegend kommen, in der die Pest herrscht, einen Monat lang auf einer kleinen Insel vor der Stadt zu internieren. Die unter Quarantäne gestellten Personen waren Kranke auf Verdacht, ein Verdacht, der widerlegt war, wenn sich nach Ablauf des Monats keine der bekannten Krankheitszeichen zeigten; die Waren dagegen, bei denen eine solche Möglichkeit der Beobachtung nicht bestand, wurden zunächst ausgebreitet und gelüftet, um das Contagium zu beseitigen, später auch und im Laufe der Zeit immer stärker durch Waschungen und Räucherungen desinfiziert. Bestätigte sich bei einer Person der Krankheitsverdacht, konnten deren Waren und persönlichen Habseligkeiten verbrannt werden.

Am berühmtesten wurden wiederum die Institutionen Venedigs. Im Jahre 1403 erwarb die Republik zur Unterbringung von Pestkranken eine kleine Insel in der Lagune mit dem Kloster Santa Maria de Nazareth. Im Jahr 1468 wurde auf einer anderen Insel ein zweites Gebäude errichtet, das in Zukunft ausschließlich die Funktion hatte, Personen und Waren, bei denen der Verdacht auf Pest bestand, aufzunehmen. Die ältere der beiden Einrichtungen hieß zunächst nach dem Kloster, in dem sie zuerst untergebracht war, „Nazaretum", ein Wort, das im Zuge des zunehmenden Gebrauchs der Volkssprache anstelle des Lateinischen eine Veränderung in „Lazaretum" erfuhr und auch zur Benennung der Neugründung des Jahres 1468 benutzt wurde.

Eines der ersten Pesthäuser auf deutschem Boden dürfte St. Sebastian in Nürnberg gewesen sein, das auf eine Stiftung des Bürgermeisters Conrad Toppler im Jahre 1480 zurückgeht.

Pesthospital St. Louis Paris, Kupferstich 1641

Pesthospital St. Louis Paris, Kupferstich 1641

Einen völlig anderen Typ repräsentiert das Hôpital St. Louis in Paris, mit dessen Bau im Jahre 1607 auf Befehl König Heinrichs IV. von Frankreich begonnen wurde und das bereits 1612 eröffnet werden konnte. Bei diesem Hospital liegen vier riesige Krankenhallen um einen quadratischen Hof. Jede Halle ist durch einen Mittelpavillon in zwei Hälften geteilt und durch Eckpavillone mit den jeweils angrenzenden Hallen verbunden; in zwei dieser Eckpavillone, die diagonal gegenüberliegen, war jeweils ein Altar untergebracht. Die hohen Krankensäle im Obergeschoß besaßen wahrscheinlich ein außerordentlich kunstvolles Belüftungssystem, das den für die Vertreibung des Miasma notwendigen Luftzug erzeugte. Dieser Mittelkomplex war in weitem Abstand von einer Mauer umgeben, innerhalb derer, getrennt vom Pesthaus, vier Eckgebäude standen, deren zwei für infizierte „personnes de distinction" bestimmt waren, die beiden anderen für das Pflegepersonal und für Geistliche und Ärzte. Von diesen beiden Gebäuden führten, als Zugang für das Personal, Brücken in je einen Eckpavillon.

Zu den bekanntesten Pesthaus- und Lazarettprojekten gehört der Vorschlag John Howards, eines englischen Rechtsanwalts, der im Jahre 1789, nach einer Rundreise durch die europäischen Lazarette, eine Bestandsaufnahme und Beschreibung veröffentlichte, die er mit einem Idealplan verband, und die bereits zwei Jahre später in deutscher Übersetzung erschienen. Howards „Grundriß zu einem Pesthaus", ein Gebäude für die Seequarantäne, ist denkbar einfach. In einer rechteckigen Gesamtanlage, die von einem Wassergraben begrenzt ist, liegen eine große Zahl kleiner Gebäude, und zwar sowohl „Wohnungen für die Passagiere und Wächter" als auch „Häuser für die Güther"; während auf einer Seite der symmetrisch der Länge nach in zwei Hälften geteilten Anlage Arkaden und ein freier Platz für die „reinen Güther" vorgesehen sind, finden sich in der anderen Hälfte „Arkaden für unreine Güther" und für Reinigungszwecke große Wasserpumpen. Die Wohnungen des Personals befinden sich außerhalb der Anlage. Im Zentrum des ganzen liegt, in der englischen Version, ein „pleasure ground", der in der deutschen Übersetzung zu einem „Platz zum Vergnügen für die Passagiere" wurde.

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Pestkordon und Kontumaz-Haus

Der weiträumigste Versuch zur Anlage einer Landquarantäne war der österreichische Pestkordon, eine Einrichtung, mit der auf einer Länge von 1.900 km an der Südostgrenze der Monarchie das Eindringen der Seuche aus dem osmanischen Reich verhindert werden sollte. Dieser Kordon ging aus der seit Anfang des 16. Jahrhunderts bestehenden Militärgrenze hervor, die seit Anfang des 17. Jahrhunderts neben ihren Grenzschutzaufgaben auch seuchenpolizeiliche Aufgaben wahrnahm, die schließlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz im Vordergrund standen. Die Wachen waren in Holzhäusern, die auch als Beobachtungsstationen fungierten, stationiert und so zueinander postiert, daß „in der Regel ein Wachposten den andern bey Tage zu sehen, bey Nacht mit Erfolg aufzurufen" imstande war. Alle Personen, die nach Österreich einreisen wollten, wurden an den Grenzstationen in ein Quarantäne-Lazarett, das „Kontumaz-Haus", gebracht, wo sie eine Befragung durch den Direktor und eine Untersuchung durch den Lazarettarzt über sich ergehen lassen mußten. Die mitgeführten Kleidungsstücke und Waren wurden einer gründlichen Reinigungs- und Räucherungsprozedur unterzogen. Die Kleidung wurde mehrmals gewaschen und gelegentlich auch mit Schwefeldämpfen geräuchert. Briefe wurden perforiert und dann mit Schwefel- oder Chlordämpfen desinfiziert, Geld wurde in Essigwasser gelegt. Baumwolle und Schafswolle, die beiden Haupteinfuhrprodukte aus dem Osmanischen Reich, sollten zur Durchlüftung ausgebreitet werden.

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Wiener Infektionsordnung 1679

Als in Wien im Dezember 1678 in der Leopoldstadt die ersten Todesfälle auftraten, wurde am 9. Januar 1679 eine Infektionsordnung erlassen. Im Zentrum dieser Ordnung stehen, nach einleitenden christlichen Ermahnungen und der Wiederholung der lange bekannten Bestimmungen über Schmutz und Unsauberkeit, wozu z.B. die Androhung strenger Bestrafung desjenigen gehört, der „todtes Vieh, als Hund, Katzen, Hüner", aber auch Blut, Knochen oder Eingeweide auf die Straße wirft, die üblichen seuchenpolizeilichen Maßnahmen. Jeder Fall einer Pesterkrankung solle sofort gemeldet werden. Der Erkrankte müsse in ein Pestspital gebracht werden und alle, die im gleichen Haus mit dem Erkrankten leben, müssen zur Beobachtung in ein „Kontumazhaus". Das Haus, in dem die Erkrankung gemeldet wurde, soll an der Eingangstür mit einem weißen Kreuz gezeichnet und vierzig Tage lang verschlossen werden. Bevor die Häuser wieder bezogen werden, sollen sie gesäubert, geräuchert und geweißt werden. Kleider und Gegenstände, die der Erkrankte benutzt hatte, werden ins Lazarett gebracht und entweder gereinigt oder verbrannt. Darüber hinaus galt ein strenges Einreiseverbot für Personen aus infizierten Gegenden; einreisen durfte nur, wer bereit war, sich einer vierzigtägigen Quarantäne zu unterziehen, oder wer durch das Vorzeigen eines Gesundheitspasses nachweisen konnte, daß er aus einer nicht infizierten Gegend kam. Um die Ausbreitung der Krankheit in der Stadt zu verhindern, sollten Trinkstuben und Schulen geschlossen, Kirchweihen, Jahrmärkte und andere öffentliche Veranstaltungen eingestellt werden, weil, wie es in der Begründung hieß, „vil Leut zusammen kommen, und leichtlich einer dem andern was anhäncken kann".

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Letzte Pest in Europa 1720

Im Mai 1720 kam die Pest zum letzten Mal nach Europa. Angeblich eingeschleppt von einem Schiff, bei dessen Abfertigung die Quarantänebestimmungen nicht korrekt angewandt wurden, verbreitete sich die Krankheit von 172o bis 1722 über Marseille und die Provence. Die Pest von Marseille löste überall in Europa Maßnahmen aus. So erließ der Kurfürst von Sachsen am 10. Oktober 1721 ein „Mandat Wegen der in dem Koenigreiche Franckreich Sich je mehr und mehr ausbreitenden CONTAGION und Derer, dagegen anbefohlenen Anstalten". Da diese Epidemie auf den Süden Frankreichs beschränkt blieb, konnte der preußische König am 15. Juni 1723 die seit 1721 bestehenden Beschränkungen und Verbote des Handels mit Frankreich wieder aufheben, wie das, wie in der Verordnung ausdrücklich vermerkt wird, andere Staaten bereits getan hatten.

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Dritte Pestpandemie

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, wohl ebenfalls von Zentralasien ausgehend, die dritte Pestpandemie. Die Krankheit verbreitete sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts über Südchina, wo sie 1894 Hongkong erreichte. Dort entdeckte im Juni 1894 Alexandre Yersin, ein Mitarbeiter des Institut Pasteur in Paris, im Eiter von Bubonen das Pestbakterium, das heute nach ihm „Yersinia pestis" genannt wird. Mit dem Bericht Yersins in den Annales de l`Institut Pasteur begann eine neue Epoche der Erforschung dieser Krankheit, wobei wichtige Entdeckungen während der Epidemien in Indien und der Mandschurei gemacht wurden, eine Epoche, die bis heute nicht zu Ende ist.

Lungenpest Mandschurei 1921 Lungenpest Mandschurei 1921 Lungenpest Mandschurei 1921

Lungenpest Mandschurei 1921

Quelle: Auszüge aus dem Ausstellungsband „Das große Sterben – Seuchen machen Geschichte"

Ó 1995 Deutsches Hygiene-Museum Dresden

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