Pestbericht Türkei 1924
Lungenpest und der prophylaktische Wert des Pestserums

Schutzanzug Pestarzt Marseille, Kupferstich 1725

(Dr. Osman Cherefeddin, Chefarzt der Abteilung für Infektionskrankheiten des Gureba-Krankenhauses in Konstantinopel)

Seit 4 1/2 Jahren treten Pestfälle in Konstantinopel auf, und zwar wurden sie zuerst im Sommer 1919 in Galata, im belebten Hafenviertel, festgestellt und, wie nachgewiesen werden konnte, waren sie durch englische Transportschiffe aus Ägypten eingeschleppt worden. Hier bildete sich ein Krankheitsherd, und innerhalb von 8 - 10 Tagen wurden immer 2 - 3 neue Krankheitsfälle beobachtet. Zeitweise wurde eine Zunahme festgestellt, manchmal hatte es wiederum den Anschein, als sei die Epidemie erloschen, bis dann nach 6 - 8 Wochen wieder neue Fälle zur Meldung kamen.

Es handelte sich immer um Bubonenpest. Es gab darunter schwere Fälle; im allgemeinen aber waren sie von mittelmäßiger Schwere, darunter auch leichtere, die zur Genesung führten. Auf jeden Fall war es eine Epidemie, die keine große Ausdehnung nahm, und die sich, abgesehen von einigen Ausnahmen, auf das genannte Stadtviertel Galata beschränkte.

Sogleich bei Ausbruch der Epidemie wurden umfassende Abwehrmaßnahmen getroffen: Rattenbekämpfung, Isolierung der Kranken, Zwangsimpfung und ständige hygienische Kontrolle des verseuchten Viertels. In den letzten Monaten kamen nur vereinzelte Fälle zur Meldung, aber vor zwei Monaten im gedrängten Zeitraum wieder mehrere Erkrankungen, von denen wir die ersten in unserem Krankenhause Gureba diagnostizieren konnten.

Am 28. November 1923 wurde nachts der Schiffer Mehmed, ansässig in Galata, ins Krankenhaus eingeliefert. Er litt seit einigen Tagen an starkem Husten, Fieber und großer Abgeschlagenheit. Nach seiner Einlieferung wurde er vom Assistenzarzt untersucht: Temperatur 40,2 °C, Puls 140/min., Zunge stark weiß belegt, über beiden Lungen starkes pfeifendes, knisterndes Rasseln ohne einen ausgesprochenen Herd von Pneumonie oder Bronchopneumonie. Jedoch litt der Kranke an großen Atembeschwerden und Beklemmungen. Der reichliche Auswurf war blutig. Urin spärlich und eiweißhaltig. Der Assistenzarzt glaubte an eine allgemeine Sepsis mit Lungeninfarkt. Der Kranke starb um 4 Uhr morgens. Die Obduktion erfolgte um 10 Uhr vormittags. Auf der Haut waren keine Flecken oder Geschwüre, es fanden sich keine Schwellungen, weder in der Leistengegend, noch in der Achselhöhle, noch am Halse. Muskeln von schwarz-roter Farbe. In der Bauchhöhle geringe Flüssigkeitsmengen. Dünn- und Dickdärme zeigten einige entzündliche rote Stellen, keine Schwellung der Peyerschen Plaques oder Lymphknötchen. Milz sehr vergrößert, prall anzufühlen. Konsistenz zerfließend weich. Leber kongestiv hyperämisch mit erheblicher Zunahme des Volumens. An einigen Stellen schwärzliche nekrotische Flecken. Beim Schnitt entfließt der Leber schwärzliches Blut, das Lebergewebe zeigt trübe Schwellung. Nieren sehr groß, rot, Kapsel leicht abziehbar. An der Oberfläche einige schwärzliche Punkte, ebensolche auf dem Durchschnitt. Nierenrinde verdickt, zeigt rötliche Streifen. Marksubstanz rötlich, saftig glänzend. Gefäße mit Blut gefüllt. Nebennieren entzündet und hyperämisch, an der inneren Blasenwand hämorrhagische Flecken. Lungen zeigen kleine, aber zahlreiche broncho-pneumonische Herde. In der rechten Lunge ein ausgedehnterer Herd. In der Umgebung dieser verschiedentlichen bronchopneumonischen Herde hatte das Lungengewebe ein gelatinöses, rotes Aussehen. Die Herde zeigten große Ähnlichkeit mit grippaler Bronchopneumonie. Hilusdrüsen etwas vergrößert. Herzfettgewebe intakt. Endokard und Perikard o.B. Herzmuskulatur sehr weich und zerreißbar, von gelbbrauner Farbe.

Es war uns klar, eine Sepsis vor uns zu haben. Die Milzpräparate wurden mit Methylenblau und nach Gram gefärbt. Sie zeigten unzählbare Gram-negative typische Pestbazillen. Die direkten Präparate des Herzblutes zeigten ebenfalls zahlreiche typische Bazillen, ungefähr ein Keim auf 2 rote Blutkörperchen. Somit handelte es sich nach den klinischen Symptomen und nach dem Obduktionsbefund ohne Zweifel um einen Fall von Lungenpest.

Mein Assistent Dr. Rebié, der die Autopsie ausführte, hatte sich zweimal an der Hand verletzt. Ich selbst hatte Milz, Niere, Herz und Lunge diesen Tag zufälligerweise ohne Handschuhe untersucht. Ohne erst den Befund der Kulturen abzuwarten, trafen wir die erforderlichen Maßregeln. Ich injizierte Dr. Rebié und mir je 40 ccm Pestserum. Der Assistenzarzt, der den Kranken untersucht hatte, bekam 30 ccm, der Obduktionsdiener 40 ccm. Krankenschwestern, Saaldiener und alle Kranken des betr. Saales erhielten je 20 ccm. Außerdem wurden die sämtlichen Insassen des Krankenhauses mit Pestvakzine geimpft, ausgenommen die Schwerkranken. Die einzelnen Injektionen wurden folgendermaßen verabfolgt: erst 1/2 ccm, und wenn sich nach 4 Stunden keine Reaktion zeigte, 5 ccm, dann nach weiteren 4 Stunden der Rest.

Am folgenden Tage wurden auf den Agarkulturen typische tautropfenähnliche Kolonien länglicher Bazillen gefunden. In der Bouillonkultur entwickelten sich kettenartige, eiförmige Stäbchen. Das Meerschweinchen, das mit Agarkultur geimpft war, starb nach 40 Stunden. Seine Autopsie ergab ausgesprochenen Pestbefund.

Im Krankenhaus selbst kam keine Ausbreitung zustande, bei Dr. Rebié zeigte sich nach 4 Tagen eine allgemeine Drüsenschwellung. Die Drüsen waren schmerzhaft, aber beweglich; es bestand keine Periadenitis. Wir punktierten die Leistendrüsen, im direkten Präparat fanden sich keine Bazillen. Kulturen und .Inokulationen des Meerschweinchens blieben negativ. Das Blut Dr. Rebiés zeigte keine Leukozytose. Nach einer Woche schwanden die Drüsenschwellungen.

Es ist also sehr wahrscheinlich dass die Drüsenschwellungen eine Folge der Serumeinspritzung waren, auch hatten wir bei zwei weiteren Pestserumeinspritzungen dieselben Erscheinungen wahrgenommen. Ich selbst hatte nach 4 Tagen eine ziemlich heftige Serumerkrankung. Die .ersten 2 Tage leichte Temperaturerhöhung bis 37,8 °C, Puls 90/min., Unruhe, Schlaflosigkeit, reichliche Harnausscheidung. Nach 6 Tagen setzte ungemein heftiges Jucken ein, von der Kopfhaut ausgehend und über den ganzen Körper sich verbreitend, zugleich urtikariaähnliche Eruptionen. Innerhalb einer Stunde waren Augenlider, Lippen, Ohren stark geschwollen, Hustenreiz, Temperatur 37,4 °C, Puls jedoch 125/min., Erbrechen, Diarrhoe, verminderte Urinausscheidung. Im Urin kein Eiweiß. Allmählich wurde der Körper von einer scharlachartigen Eruption übersät, die fürchterlichen Juckreiz hervorrief. Am 7. Tage ließen die Eruptionen nach, die Schwellungen im Gesicht gingen langsam zurück, ich fühlte mich wohler. Die urtikariellen Eruptionen schwanden an einem Körperteil und traten im anderen wieder auf. An diesem Abend war der Blutdruck stark gesunken, und im Begriffe, mich im Bette zu erheben, bekam ich einen Ohnmachtsanfall. Am folgenden Tage war der Ausschlag masernähnlich, kleinfleckig, das Jucken vermindert. Nach weiteren 3 Tagen war die Krankheit vorüber, hinterließ aber eine große allgemeine Schwäche, von der ich mich erst nach einigen Wochen erholen konnte.

Ich muss beifügen, dass ich bereits 1910 in Paris, im Institut Pasteur eine Seruminjektion mit antitoxischem Tetanusserum bekommen habe; außerdem 1914 in Jaffa eine Pestserumeinspritzung, von denen nur letztere eine leichte Serumerkrankung hervorgerufen hatte. Das Bemerkenswerte ist, dass ich 9 Jahre später wieder der Serumerkrankung unterlag, und dieses Mal - obwohl ich mit einer sehr kleinen Serumdosis angefangen hatte.

Zusammenfassung:

1. Wenn auch das Pestserum als Heilmittel nur eine relative Wirkung hat, ist sein Wert in prophylaktischer Anwendung sicher.

2. Pestserum kann als Reaktionserscheinung eine allgemeine Drüsenschwellung hervorrufen, die man nicht mit Pestdrüsenschwellung verwechseln darf.

Quelle: Deutsche Medizinische Wochenschrift 50, Nr. 25; S. 842 – 43; (1924)

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