Tuberkulosesituation in Deutschland 1998

Aufklärung 1935

Pressemitteilung des DZK zum Welttuberkulosetag am 24.03.2000

Die Tuberkulose war auch 1998 die weltweit häufigste Infektionskrankheit. In Deutschland wurden 10.440 neue Erkrankungsfälle registriert. Das entspricht einer Erkrankungsrate von 12,7 auf 100.000 Einwohner (1997: 13,6/100000). Der bestehende Trend der Abnahme der Erkrankungshäufigkeit der Tuberkulose setzte sich 1998 mit 6,5 % weiter fort. 31,5 % der Erkrankten waren Ausländer. Es erkrankten 44,4/100.000 der in Deutschland lebenden Ausländer (4 % weniger als 1997) im Vergleich zu 9,6/100.000 Deutschen. Das Erkrankungsrisiko für Ausländer ist 4,6-fach höher.

490 Kinder erkrankten 1998 an Tuberkulose, 58,6 % dieser Kinder waren Ausländer. Ausländische Kinder haben ein 7-20-fach höheres Risiko zu erkranken als einheimische Kinder.

1998 erkrankten, wie in den Vorjahren, doppelt so viele Männer an Lungentuberkulose wie Frauen. Bei der einheimischen Bevölkerung nimmt die Inzidenz nahezu kontinuierlich mit höherem Alter zu, bei der ausländischen finden sich hingegen drei Inzidenzgipfel: bei den 1-5-Jährigen, den 20-40-Jährigen und den 65-70-Jährigen.

In 57,2 % der Fälle konnten Tuberkulosebakterien im Auswurf nachgewiesen werden. Die absolute Zahl der offenen Tuberkulosen war mit 5.974 Fällen gegenüber dem Vorjahr rückläufig (1997: 6.265).

Patienten mit offenen Tuberkuloseerkrankungen sind für ihre Umgebung potentiell ansteckend. Es wird geschätzt, dass pro Jahr ein Erkrankter 10 Gesunde ansteckt. Das Risiko eines so Infizierten, in seinem Leben tatsächlich an Tuberkulose zu erkranken, beträgt ungefähr 10 %. Patienten mit HIV-Infektion, Immunsuppression und höherem Lebensalter haben ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko.

711 Menschen sind 1998 an Tuberkulose gestorben, wobei 541 Menschen direkt an tuberkulösen Infektionen und 170 Personen an den Spätfolgen einer Tuberkulose starben. Die Sterberate war mit 5,2 % gegenüber den Vorjahren nahezu konstant. Die Mortalität der Tuberkulose ist mit 0,87/100.000 weiter rückläufig. Todesfälle werden für alle Tuberkulosearten beschrieben und sind für die Lungentuberkulose am häufigsten.

Studie des DZK zur Epidemiologie der Tuberkulose in Deutschland

Das DZK führt in Zusammenarbeit mit 285 Gesundheitsämtern eine epidemiologische Studie durch, die vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird. Es ergaben sich für 1998 bei 2.917 kulturell gesicherten Lungentuberkulosen folgende Resistenzmuster: 7,1 % der Bakterienstämme waren gegen INH, 2,2 % gegen RMP und 1,8 % gegen beide Medikamente resistent. Gegliedert nach Herkunftsland, zeigten sich bei Patienten aus den GUS-Staaten die höchsten Resistenzraten (jegliche Resistenz: 37,3 %): die INH-Resistenz betrug hier 30,6 % (1997:24,6 %), und die kombinierte Resistenz gegen INH und RMP (Multiresistenz) lag bei 14,8 % (1997:12,8 %). Auch für Deutschland zeigt sich somit als Konsequenz der weltweiten Entwicklung eine Zunahme (multi)resistenter Tuberkulosestämme. Dies ist größtenteils auf zunehmende Resistenzen bei Patienten aus Hochprävalenzländern, vor allem aus Osteuropa und den GUS-Staaten, zurückzuführen.

Tuberkulosesituation in Osteuropa

Die Tuberkulose ist ein grenzüberschreitendes Problem und die bedrohliche Entwicklung in Osteuropa und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat somit auch Konsequenzen für die Erkrankungssituation in Deutschland. Gegenwärtig treten in Osteuropa etwa eine Viertelmillion neue Tuberkulosefälle pro Jahr auf. Die durchschnittliche Tuberkulose-Inzidenz in Osteuropa lag 1995 mit 43,3/100.000 deutlich über der westeuropäischen mit 15,9/100.000 Einwohner (1995). Für Deutschland hat diese Entwicklung aufgrund der geographischen Nähe eine besondere Relevanz. In vielen Regionen gestaltet sich die Verfügbarkeit antituberkulotischer Medikamente problematisch. Es kommen nicht-standardisierte und inadäquate Therapieregime zum Einsatz, oft auch verbunden mit unnötigen und langen Krankenhausaufenthalten sowie häufig mit nicht notwendigen chirurgischen Eingriffen. Auch halten viele Länder an kostenintensiven Maßnahmen der aktiven Fallfindung, d.h. aufwendigen Massen-(Röntgen)-Reihenuntersuchungen, fest, wodurch eine sinnvolle Verwendung der knappen finanziellen Ressourcen behindert wird. Unzureichende Qualitätskontrollen der bakteriologischen Untersuchungen erschweren zusätzlich die Diagnostik und Therapie. Zudem wird die radiologisch und klinisch orientierte Diagnostik und Verlaufskontrolle häufig einer bakteriologisch gestützten Kontrolle vorgezogen. Nur durch rasches, gezieltes und effizientes Handeln in den Hochprävalenzländern, beispielsweise mit Hilfe der Behandlungsstrategie DOTS (Directly Observed Treatment, Short-course), besteht die Möglichkeit, diesem Trend entgegenzuwirken. Der wesentliche Schritt zur Verhinderung einer weiteren Eskalation der Lage ist die finanzielle und logistische Unterstützung vor Ort, im Sinne der Etablierung international anerkannter Tuberkulose-Kontrollprogramme und Strategien inklusive eines zuverlässigen Melde- und Monitoringsystems. Voraussetzung für einen anhaltenden Erfolg dieser Maßnahmen ist die Förderung durch die politisch Verantwortlichen sowie die direkte Einbeziehung der vor Ort Tätigen. Die Sicherstellung adäquater Therapieregime, beispielsweise auch durch den Einsatz von Kombinationspräparaten, ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil. In Hinblick auf die Entwicklungen im osteuropäischen Raum ist die Evaluation und Standardisierung von Therapieregimen für (multi-)resistente Tuberkulosen dringlich.

Strategien für Deutschland

Die epidemiologische Tuberkulosesituation in Deutschland ist zwar stabil, aber in anbetracht der dramatischen Lage in Osteuropa sind Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose auch in Deutschland unverändert notwendig. Diese müssen die internationale Bedrohung zwingend berücksichtigen und Strategien zur Eindämmung der Epidemie in Osteuropa beinhalten. Entscheidend für die Kontrolle der Tuberkulosesituation im eigenen Land ist die Erfassung und aufmerksame Beobachtung aktueller epidemiologischer Trends inklusive der Resistenzraten, die Identifikation von Risikogruppen (aktive Fallfindung), die rasche und effektive Behandlung sowie die Minderung des Übertragungsrisikos. Das neue Infektionsschutzgesetz („Seuchenrechtsneuordnungsgesetz“) wird hier wertvolle Hilfe leisten. Auch in Zukunft bedarf es der engen Zusammenarbeit zwischen Klinik, Praxis und Tuberkulosefürsorge. Das DZK versteht sich hier als eine verbindende Institution, die den Kontakt zur Internationalen Union (IUATLD), zur World Health Organisation (WHO), dem Robert Koch-Institut (RKI), der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz) und anderen in der Tuberkulosebekämpfung engagierten internationalen Organisationen aufrechterhält.

Die Aufgaben des DZK

Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose wurde am 21. November 1895 in Berlin zu Zeiten, in denen die Tuberkulosesterblichkeit sehr hoch war und jeder vierte berufstätige Mann an Tuberkulose verstarb, gegründet. Schon bald wurde das „DZK“ - wegen des langen und unaussprechlichen Namens bürgerte sich diese Kurzbezeichnung ein - der wichtigste Entscheidungsträger in allen Fragen der Tuberkulosebekämpfung. Dank der hohen Sachkompetenz der in- und ausländischen Mitarbeiter in den einzelnen Arbeitsgruppen ist dies bis heute so geblieben. Die Regierungsstellen in Bund und Ländern stützen sich auf seine Arbeiten. Da es in Deutschland im Vergleich zu anderen Industriestaaten nach wie vor wenige Einrichtungen für Forschung, Lehre und Krankenversorgung von Lungenkrankheiten gibt, ist das DZK bislang die einzige normative Kraft auf dem Gebiet der Tuberkulosebekämpfung. Die Arbeitsgruppen des DZK beschäftigen sich mit aktuellen Themen zur Tuberkulose: Chemotherapie, Tuberkulintestung, Infektionsverhütung, Atemschutzmasken, Verbesserung der Erfassung von Neuerkrankungen, Qualitätssicherung der Laboratoriumsmethoden zum Nachweis von TB-Erregern und deren Medikamentenresistenz, Umgebungsuntersuchung und Dokumentation der phthisiologischen Epoche. Eine wesentliche Aufgabe des DZK ist die Überwachung der epidemiologischen Tuberkulosesituation inklusive der Medikamentenresistenz. Es wird jährlich ein Informationsbericht veröffentlicht, der detaillierte aktuelle Daten zur Tuberkulose in Deutschland enthält und den Trend der Tuberkulose veranschaulicht. Eine Studie zur Epidemiologie der Tuberkulose in Deutschland, an der sich zwei Drittel aller Gesundheitsämter beteiligen, ermöglicht den Zugriff auf Daten, welche in der Meldestatistik nicht routinemäßig erfaßt werden. Eine weitere Aufgabe des DZK besteht in der Publikation von Aufklärungsschriften für Laien, die in der Bevölkerung auf großes Interesse stoßen. So leisten beispielsweise die in 14 verschiedenen Sprachen vorliegenden „Merkblätter zur Tuberkulose“ für die aus Hochprävalenzländern stammenden Patienten einen entscheidenden Beitrag zum Krankheitsverständnis. Die Broschüre „Was man über die Tuberkulose wissen soll“ wurde bisher über 40.000 Mal verteilt. Insbesondere aufgrund der weltweiten Zunahme der Tuberkulose und der dramatischen Entwicklung in Osteuropa ist die Aufrechterhaltung nationaler und internationaler Beziehungen, beispielsweise zur Internationalen Union (IUATLD), der WHO, dem Robert Koch-Institut (RKI), der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz) und anderen in der TB-Bekämpfung engagierten internationalen Organisationen, besonders wichtig.

DEUTSCHES ZENTRALKOMITEE ZUR BEKÄMPFUNG DER TUBERKULOSE
Prof. Dr. R. Loddenkemper, Generalsekretär, Lungenklinik Heckeshorn, Zum Heckeshorn 33, 14109 Berlin, Tel.: + 49-30/8002-2435, Fax.: +49-30/8002-2286, e-mail: loddheck@zedat.fu-berlin.de

Informationen zur Wiederzulassung in Schulen und Kindergärten nach Infektionen !

zurück zum Seitenanfang
zurück zur Übersicht der Tuberkulose in Deutschland
zurück zur Übersicht der Tuberkulose
zurück zu Infektionen A - Z

zurück zu Krankheiten A - Z

weiter zur Impfberatung
weiter zum Infektionsschutzgesetz