Tuberkulosesituation in Deutschland 2000
Quelle: Epidemiologisches Bulletin des RKI Nr.11/2002

Aufklärung 1935

  Zur Struktur der Tuberkulosemorbidität in Deutschland

Ergebnisse der Studie des DZK zur Epidemiologie der Tuberkulose im Jahr 2000

Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) hat zur Gewinnung dringend benötigter Daten zur Epidemiologie der Tuberkulose in Zusammenarbeit mit kooperationsbereiten Gesundheitsämtern in Deutschland von 1996 bis einschließlich 2000 eine Studie durchgeführt (nachfolgend als DZK-Studie bezeichnet), die vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wurde. Im Rahmen dieser Studie wurden von 285 Gesundheitsämtern (66 %) auf freiwilliger Basis für die gemeldeten Erkrankungsfälle klinische, mikrobiologische, epidemiologische und soziodemographische Daten dokumentiert, deren Analyse Angaben zur genaueren Einschätzung der Situation, zur Struktur der Morbidität und zu Trends in Deutschland lieferte. Damit gab es zur Epidemiologie der Tuberkulose in den letzten Jahren drei wichtige Quellen epidemiologischer Daten mit jeweils spezifischer Aussagekraft: die Bundesstatistik, die DZK-Studie und die Berichte des Nationalen Referenzzentrums für Mykobakterien in Borstel. Zur Beurteilung der Resistenzsituation wurden zusätzlich Ergebnisse des Arbeitskreises Mykobakterien herangezogen. – Zur Situation im Jahr 2000 wurde auf der Basis der Meldedaten der Bundesstatistik bereits in der Ausgabe 46/2001 des Epidemiologischen Bulletins berichtet. Nachfolgend werden wichtige Ergebnisse aus dem letzten Jahr der DZK-Studie zur Situation im Jahr 2000 vorgestellt (Stand 08.03.2002):

Die Auswertung stützt sich auf 5.082Erkrankungen an Tuberkulose; dies entspricht 56 % der 9.064 Meldungen für das Jahr 2000 in der Bundesstatistik.

 

Alters- und Geschlechtsverteilung

Eine vergleichende Analyse der Altersverteilung (Tab. 1) und der Angaben zum Geschlecht (DZK-Studie: 62,5 % männlich; 37,2 % weiblich; 0,3 % unbekannt) zeigte eine sehr gute Übereinstimmung der Verteilung mit den Werten der Bundesstatistik. Damit können auch die weitergehenden Auswertungen in der DZK-Studie als repräsentativ für die Tuberkulosesituation in Deutschland angesehen werden. Das durchschnittliche Erkrankungsalter von Erkrankten mit der Angabe ›Geburtsland Deutschland‹ lag mit durchschnittlich 55 Jahren wie bereits in den Vorjahren deutlich über dem von Erkrankten mit Geburtsort außerhalb Deutschlands mit 38 Jahren.

 

Altersgruppe

DZK-Studie

Bundesstatistik

 
  abs. Zahlen % abs. Zahlen %
<15 Jahre 232 4,6 446 4,9
15 – <40 Jahre 1.735 34,1 2.928 32,3
40 – <65 Jahre 1.763 34,7 3.148 34,7
>65 Jahre 1.335 26,3 2.542 28,0
unbekannt 15 0,3    
         
Summe 5.080 100 9.064 100
 
Tab. 1: Altersverteilung der Tuberkulose in Deutschland im Jahr 2000: Vergleich zwischen der DZK-Studie und der Bundesstatistik

Organmanifestation der Tuberkulose-Erkrankungen

Die Lunge war mit 80,5 % das am häufigsten betroffene Organ, wobei in 28,8 % ein direkter Nachweis säurefester Stäbchen im Sputum und in 29,6 % in anderem Material oder mit anderen Methoden gelang. Ein Bakteriennachweis (primär/postprimär) fehlte in 22,1 %. Weitere betroffene Organe waren: Pleura 3,8 %, Meningen 0,5 %, Urogenitaltrakt 2,9 %, Knochen/Gelenke 1,9 %, extrathorakale Lymphknoten 8,0 %, andere Organe 2,4 %.

Die in der Studie ermittelten Organmanifestationen entsprechen den Angaben in der Bundesstatistik für das Jahr 2000. Die in der Studie verwandte Falldefinition entspricht im Wesentlichen der aktuell gültigen Falldefinition für Tuberkulose gemäß Infektionsschutzgesetz.

 

Aspekte der Herkunft und der Aufenthaltsdauer in Deutschland

In der Studie waren 66,1 % deutsche Staatsangehörige, 32,2 % Ausländer. Bei 1,7 % war die Staatsangehörigkeit unbekannt. 6,1 % der Tuberkulosepatienten hatten die deutsche Staatsangehörigkeit, waren aber im Ausland, vorwiegend in den NUS (Neue Unabhängige Staaten, definiert als GUS + baltische Republiken) und Osteuropa (außer dem ehemaligen Jugoslawien) geboren. Dieser Anteil ist gegenüber 1999 um 0,7 % zurückgegangen. 22,7 % aller Tuberkulosepatienten waren im ehemaligen Jugoslawien, in der Türkei, in Osteuropa oder in den NUS geboren; 12,7 % der Tuberkulosepatienten stammten aus Asien, Afrika oder Amerika. 60,0 % aller Tuberkulosepatienten waren in Deutschland geboren. – 26,3 % der im Ausland geborenen Patienten waren Asylbewerber/-innen, 14,4 % Aussiedler/-innen.

Bei 1.370 der 1.946 im Ausland geborenen Patienten (70,4 %) konnte die Dauer des Aufenthalts in Deutschland von der Einreise bis zum Zeitpunkt der statistischen Erfassung in Monaten bestimmt werden. Bei 32,8 % (1996: 41,4 %, 1997: 34,6 %, 1998: 34,9 %, 1999: 38,6 %) trat die Tuberkulose im ersten Aufenthaltsjahr, bei 58,2 % (1996: 75 %, 1997: 70%, 1998: 67%, 1999: 64,9%) binnen der ersten 5 Aufenthaltsjahre auf. Unter den im Ausland geborenen Patienten variierte das Intervall zwischen Einreise und statistischer Erfassung je nach Geburtsland und Legalstatus (Tab.2). Bei Asylbewerbern wurde die Tuberkulose häufiger (56,1 %) im ersten Jahr als bei Aussiedlern (35,8 %) oder sonstigen im Ausland Geborenen (17,6 %) festgestellt. Diese Zahlen belegen die im Infektionsschutzgesetz festgelegte aktive Fallsuche bei Migranten, weisen jedoch gleichzeitig auf den Bedarf einer fortgesetzten guten medizinischen Betreuung besonders in diesem Kollektiv hin.

Geburtsland/-region – Angaben in %

Dauer Westeuropa Osteuropa (Ex)Jugoslawien Türkei NUS Afrika Amerika Asien alle Regionen
Jahre % % % % % % % % %
<1 8,6 14,1 30,0 15,9 49,8 45,2 9,5 33,6 32,8
1 – 5 19,0 21,8 24,9 13,5 26,7 28,9 33,3 32,5 25,4
5 – 10 5,2 20,5 29,6 17,8 1,6 13,2 19,0 16,4 18,8
>10 67,2 42,6 15,5 52,9 3,9 12,7 38,1 17,5 23,0
 
Tab. 2: Tuberkulose bei im Ausland geborenen Patienten (DZK-Studie 2000) nach der Dauer des Aufenthalts in Deutschland und Geburtsland (bei Personen, von denen diese Angaben vorliegen, Anteile in Prozent)

Lebensunterhalt und Wohnsituation

Unter den in Deutschland geborenen Tuberkulosepatienten bezogen 7,2 % Arbeitslosenunterstützung und 8,2 % Sozialhilfe als überwiegenden Lebensunterhalt. Bei den im Ausland Geborenen war der Anteil der Sozialhilfeempfänger für Einwanderer aus den NUS (26,1 %) und aus dem ehemaligen Jugoslawien (16,2 %) höher, für Einwanderer aus Westeuropa (3,7 %), der Türkei (6,9 %) und dem sonstigen Osteuropa (7,6 %) lag dieser Anteil niedriger; 7,5 % aller Erkrankten wurden nach dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt.

2,8 % aller Patienten lebten in einem Alten- oder Pflegeheim (4,2 % der in Deutschland Geborenen). Ein Drittel der im Ausland geborenen Patienten war in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht (Einwanderer aus den NUS-Staaten 28,7 %, aus Asien, Afrika, Amerika 27,3 %). 1,8 % aller Patienten waren ohne festen Wohnsitz (2,0 % der in Deutschland Geborenen).

 

Anlass der Diagnosestellung

Die Erkrankung an Tuberkulose wurde in 79,2 % anlässlich der Abklärung tuberkulosebedingter Symptome oder bei Untersuchungen aus anderen medizinischen Gründen festgestellt. Durch Screeninguntersuchungen von Risikogruppen wurden 16,9 % (1999: 18,4 %) der Tuberkulosen diagnostiziert (6,4 % Umgebungsuntersuchung, 3,0 % Überwachung nach früherer Tuberkulose, 3,7 % Asylbewerberuntersuchung, 1,7 % Untersuchung von Personal mit Umgang mit Lebensmitteln, 1,9 % sonstige aktive Fallfindung). 9,7 % der Tuberkulosen von im Ausland geborenen Patienten wurden bei Untersuchungen im Asylverfahren festgestellt.

 

Mykobakterienspezies

Bei 98,2 % von 3.427 kulturell gesicherten Tuberkulosen jeglicher Organbeteiligung wurden Erreger des Mycobacterium tuberculosis - Komplexes nachgewiesen; 0,3 % wurden nicht hinsichtlich der Spezies untersucht; bei 1,5 % war das Untersuchungsergebnis beim Gesundheitsamt unbekannt. Bei mindestens 39 Fällen ergab die Differenzierung Mycobacterium bovis, bei mindestens 28 Fällen Mycobacterium africanum. Da viele Isolate jedoch nur bis zur Ebene des M. tuberculosis - Komplexes differenziert werden, ist der wahre Anteil der einzelnen Spezies unbekannt. Unter den Erkrankungen mit kultureller Isolation von M. bovis wurde in 30 Fällen Deutschland als Geburtsland angegeben, in 2 Fällen NUS und jeweils einmal Afrika, Türkei, Osteuropa, Westeuropa und Asien.

 

Resistenz der Erreger gegenüber wichtigen Medikamenten (Antituberkulotika)

Bei 10,3 % (1996: 7,9 %, 1997: 8,6 %, 1998: 10,4 %, 1999: 9,9 %) der 2.780 kulturell gesicherten Fälle, in denen Ergebnisse einer Resistenzprüfung gegen Isoniazid (INH) und Rifampicin (RMP) vorlagen, bestand in der Studie 2000 eine Resistenz gegenüber einem Antituberkulotikum der ersten Wahl – INH, RMP, Pyrazinamid (PZA), Ethambutol (EMB) oder Streptomycin (SM). In seinen neuen Richtlinien empfiehlt das DZK die Behandlung der Tuberkulose mit INH und RMP über 6 Monate bei zusätzlicher Gabe von PZA und EMB in den ersten 2 Monaten. Gegen eines dieser vier Antituberkulotika bestand im Jahr 2000 bei 91,9 % volle Sensibilität; bei 8,1 % bestand eine Resistenz (1996: 6,8 %, 1997: 7,4 %, 1998: 8,5 %, 1999: 7,6 %).

Bei 1,7 % (1996: 1,2 %, 1997: 1,3 %, 1998: 1,3 %, 1999: 1,3%) bestand eine Resistenz gegenüber INH und RMP. Der Anteil dieser multiresistenten Isolate lag bei in Deutschland geborenen Patienten bei 0,5 % (1996: 0,5 %, 1997: 0,5 %, 1998: 0,3 %, 1999: 0,3 %); bei in der ehemaligen Sowjetunion (NUS) geborenen Patienten demgegenüber bei 8,5 % (1996: 6,8 %, 1997: 11,8 %, 1998: 11,2 %, 1999: 9,5 %).

Wir danken dem Projektleiter der Studie zur Epidemiologie der Tuberkulose des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK), Herrn Dr. M. Forßbohm, Gesundheitsamt Wiesbaden, für seinen Zwischenbericht zum Jahr 2000, der hier in zusammengefasster Form vorliegt. Dank gilt auch allen beteiligten Gesundheitsämtern für ihre Beiträge zu dieser wichtigen Studie. Eine ausführlichere Darstellung der Studienergebnisse wird durch das DZK u. a. im Rahmen seiner Informationsberichte veröffentlicht.

Quelle: Epidemiologisches Bulletin des RKI 11/2002

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