Seuchengeschichte
Tuberkulose - Seuchengeschichte

Plakat Tuberkulosebekämpfung in Stadt und Land, Dresden 1955

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Krankheitsbild

Künstlerlos und Armenschicksal

Aufklärung und Bekämpfung

Sanatorien

Weitere Behandlungsmethoden und diagnostische Hilfsmittel

Rückgang und mögliche Rückkehr der Tuberkulose

Krankheitsbild

Die Tuberkulose ist eine chronische Infektionskrankheit. Sie wird durch spezifische bakterielle Erreger, die verschiedenen Typen des Mycobacterium tuberculosis, hervorgerufen und kann alle Organe und körpereigenen Systeme befallen. Die Übertragung kann durch Einatmung infektiöser Tröpfchen, Staubpartikel oder eingetrockneter Exkrete, durch Aufnahme von tuberkulös infizierter Milch oder tuberkulös infiziertem Rindfleisch erfolgen. Ob und in welchem Ausmaß die Krankheit bei einer Person ausbricht, ist ebenso wie ihr Verlauf von der Anzahl und der Aktivität der Erreger sowie von der Empfänglichkeit und Widerstandskraft des befallenen Organismus gegenüber den Erregern abhängig.

 

Lungenschwindsucht, Kupferstich 1842

 

Bei der Erstinfektion kommt es zunächst zu einer unspezifischen Entzündung, die in einem späteren Stadium durch die Anwesenheit von Tuberkeln – knötchenförmigen Gewebeveränderungen – spezifisch tuberkulös wird. Die Tuberkel schmelzen zusammen und es kommt zum Gewebszerfall. Als Folge dieses Gewebszerfalls können bei der Lungentuberkulose Hohlräume, sogenannte Kavernen, entstehen, von denen sich der Begriff der „Aufzehrung“ der Lunge herleitet.

 

Moulage Lungenschnitt mit tuberkulösen Kavernen

 

Die pulmonale oder Lungen-Tuberkulose ist zugleich die häufigste Form der Tuberkulose; neben ihr gibt es sogenannte extrapulmonale tuberkulöse Erkrankungen – insbesondere der Haut, der Knochen, des Darms, des Urogenitalsystems (Nieren-, Blasen-, Hoden-, Nebenhodentuberkulose), der Mandeln – und die tuberkulöse Hirnhautentzündung. Die Erscheinungsformen sind so unterschiedlich, daß bis zur Entdeckung des Tuberkulose-Erregers bei vielen Erkrankungen nicht vermutet wurde, daß es sich um eine tuberkulöse Infektion handeln könnte. Die auffälligsten Formen der Tuberkulose sind die der Haut und der Knochen, die bei dem Erkrankten ein zum Teil schauriges Aussehen hervorriefen, das ihn nicht selten zur Randexistenz verurteilte.

 

Moulage Hauttuberkulose an der Nase

 

Daneben gibt es tuberkulöse Halslymphdrüsen, die retrospektiv mit der sogenannten Scrophulose identifiziert werden. Die Scrophulose hat eine eigene Geschichte und wurde bis zu Kochs Entdeckung ebenfalls kaum in Verbindung mit der Krankheit gebracht, die seit dem 19. Jahrhundert als Tuberkulose bezeichnet wird. Eine Tatsache, die angesichts der völlig unterschiedlichen Erscheinungsformen nicht verwundert.

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Künstlerlos und Armenschicksal

Anders als bei Seuchen wie Pest und Cholera variiert die Wahrnehmung und Darstellung von Tuberkulosekranken seit dem 18. Jahrhundert in starkem Maße. Die in verschiedenen Epochen bestehenden und sich überschneidenden Bilder von der Tuberkulose -–die "romantische Krankheit“ im 18. bis zum 19. Jahrhundert, die „Krankheit des Proletariats“ Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die „asoziale Krankheit“ zur Zeit des Nationalsozialismus, die „besiegte Krankheit“ in den 70er Jahren unseres Jahrhunderts, die „Krankheit der Randgruppen“ seit den 90er Jahren – weisen bereits auf die jeweils vorherrschende Krankheitserklärung und Krankheitsbekämpfung hin.

Das romantische Bild der Tuberkulose entstand während des 18. Jahrhunderts, als die Krankheit selbst noch nicht sehr verbreitet war. Das ganze Jahrhundert lang bestand eine besondere Beziehung zwischen Tuberkulose, Kunst und literarischem Schaffen. „Das Fieber, die Auszehrung waren daher nur der körperliche Ausdruck eines Feuers, das bald die Glut der Sehnsucht, bald des Genies war, und die Blässe des Kranken belebte. Die glänzenden Augen, die roten Wangen waren Ausdruck eines selbstzerstörerischen Seelenfeuers: die Tage des Tuberkulosekranken verglühten.“ (Laennec 1826)

Neben den Künstlern scheinen die Liebenden und die Bohèmiens „anfällig“ für diese Krankheit zu sein, man denke nur an Alexandre Dumas` „Kameliendame“ Marguerite Gautier, die den Typ der aufopfernden Liebenden, der hochherzigen Sünderin verkörpert und an der Schwindsucht zugrunde geht. Von Guiseppe Verdi 1853 in der Oper „La Traviata“ vertont und über dreizehnmal verfilmt, wurde diese Figur einer der Prototypen der romantischen Krankheit.

Mit der massenhaften Verbreitung der Schwindsucht, besonders unter der arbeitenden Klasse, änderte sich zwangsläufig das Bild des Kranken, wenn auch eine Zeitlang beide Bilder nebeneinander her bestanden.

So starben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet des Deutschen Reiches jedes Jahr 100.000 bis 120.000 Menschen an der Schwindsucht, sehr viel mehr waren daran erkrankt. Besonders betroffen waren die Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die im produktiven Alter standen und deren Tod damit auch volkswirtschaftliche Bedeutung zukam. Statistiken über Häufigkeit und geographische Verbreitung wurden aufgestellt und veröffentlicht, um die Gefahr für Staat und Gesellschaft nachzuweisen und geeignete Maßnahmen wie den Ausbau von Lungenheilanstalten, Tuberkulosefürsorgeanstalten und des sozialen Wohnungsbaus zu veranlassen. Diese Statistiken brachten zutage, daß die Masse der Erkrankten zum Proletariat gehörte, was angesichts der Lebens-, Wohn- und Arbeitsbedingungen, in denen diese Menschenmassen dichtgedrängt zu existieren gezwungen waren, nicht verwundert. Sozialreformer, die Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Krankheit anstellten, bezeichneten dann auch die Krankheit als "Die Proletarierkrankheit" und forderten Verbesserungen der Lage der arbeitenden Klasse. Unterstützung erhielten sie von sozialkritischen Künstlern wie beispielsweise Heinrich Zille, der besonders den alltäglichen Umgang mit der Krankheit darstellte. Auf einem seiner „Bilder aus dem Berliner Milljöh“ brüstet sich ein kleines Mädchen mit der Tatsache, daß es „Blut in den Schnee spucken könne“; eine Anspielung auf den häufig mit Blut durchsetzten tuberkulösen Auswurf.

 

Karikatur H. Zille: „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken!“

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Aufklärung und Bekämpfung

Ein Grund für den Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Tuberkulose dürfte darin liegen, daß die Meinungen über den Erwerb der Krankheit stark voneinander abwichen. Schon in der Antike gab es Vertreter der Theorie der Vererbung der Phthise wie Hippokrates und Vertreter der Theorie der Ansteckung wie Aristoteles und Galen. Neben den beiden Theorien wurde immer auch die Frage einer persönlichen oder familiären Disposition zur Tuberkulose diskutiert.

In der Renaissance vertrat Girolamo Fracastoro 1546 als erster dezidiert die Überzeugung, daß die Ursache der Phthise außerhalb des menschlichen Organismus liegt, und befand sich damit in einer starken, die Ansteckungsfähigkeit dieser Krankheit vermutenden Fraktion, die auch im 17. Jahrhundert noch die Oberhand behielt. Die Meinungen zur Ätiologie dieser Krankheit variierten nicht nur zeitlich, sondern auch örtlich. So hielt der Süden Europas – vor allem Portugal, Spanien und Italien – durchgängiger an der Theorie der Ansteckung fest als der Norden. So erließ 1699 Lucca als erste Stadt Gesetze gegen die Verbreitung der Schwindsucht. In Spanien wurde 1751, in Neapel und Sizilien 1782 die Anzeige einer Schwindsuchterkrankung zur Pflicht; bei Unterlassung drohte dem Arzt Gefängnis und bei Wiederholung Galeerenstrafe. Die Kranken selbst wurden zwangshospitalisiert oder ausgewiesen. Es wurde verboten, sie zu besuchen, ihre persönlichen Gegenstände und Möbel wurden in der Regel verbrannt. George Sand schildert in ihrem Werk „Ein Winter auf Mallorca“ sehr anschaulich die abwehrenden Reaktionen der Bevölkerung auf den schwindsüchtigen Chopin während ihres gemeinsamen Aufenthalts auf der Insel.

Ein einschneidender Punkt in der Geschichte der Tuberkulose ist die Zuordnung eines bestimmten Krankheitserregers zum klinischen Bild der Tuberkulose durch Robert Koch im Jahre 1882. Mit der Entdeckung des Tuberkuloseerregers Mycobacterium tuberculosis, die die Hochphase der Ablehnung der Ansteckungsfähigkeit der Tuberkulose beendete, war zwar noch kein Heilmittel gefunden, aber zumindest wußte man nun, was die Tuberkulose verursachte.

Wichtig im Kampf gegen die Ausbreitung der Tuberkulose war deren Früherkennung. Zu diesem Zweck wurden spezielle Fürsorgestellen für Tuberkulose, die erste in Halle an der Saale 1899, eingerichtet. Ihre Aufgaben reichten von der „Aufspürung“ Tuberkulosekranker bis hin zur Beschaffung von stärkenden Lebensmitteln, Heilkuren und Wohnungen. Hand in Hand mit der Früherkennung ging eine umfangreiche Aufklärungskampagne, deren Hauptzweck die Information über die Entstehung der Krankheit, die Wege der Ansteckung und die Aufforderung zur Reinlichkeit war. Diese Kampagne begann Ende des 19. Jahrhunderts mit der zentralen Verteilung von Tuberkulose-Merkblättern durch das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin. Als erste Maßnahmen wurden Spuckverbotstafeln in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsbetrieben aufgehängt und Spucknäpfe aufgestellt. Des weiteren wurden neben Lichtbildervorträgen, die den örtlichen Tuberkulose-Fürsorgestellen bzw. Vereinen zur Bekämpfung der Schwindsucht unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurden, Plakate und Bildtafeln vertrieben.

 Bildtafel aus den 30er Jahren: Wie die Tuberkulose übertragen wird.

 

Die Hauptinhalte der vom Deutschen Hygiene-Museum in den 30er Jahren vertriebenen Tafeln waren ebenfalls der Schutz vor Ansteckung, die Übertragungswege der Tuberkulose oder, sehr anschaulich, „Die ersten Anzeichen der Lungentuberkulose“. Diese Bildtafeln sollten an häufig frequentierten Plätzen wie Schulen, Fabriken, Krankenhäusern etc. aufgestellt werden.

 

Bildtafel aus den 30er Jahren: Wie schützt man sich und andere vor Tuberkulose?

 

Bildtafel aus den 30er Jahren: Die ersten Anzeichen der Lungentuberkulose

 

Neben der Reinlichkeit tritt die Lüftung und Besonnung der Räume als wesentlicher Faktor der Tuberkuloseprävention und –bekämpfung. Auch dies, gemessen an der Lage der meisten Proletarierwohnungen, ein „frommer Wunsch“ bzw. ein Versuch, mit dem Argument der Gesundheit bürgerliche Vorstellungen über angemessenes Wohnen in den Köpfen der Masse der Bevölkerung zu verankern.

 

Plakat Tuberkulosebekämpfung in Stadt und Land, Dresden 1955

 

Ein weiteres staatliches Instrument der Tuberkulose-Bekämpfung wurde die Einführung von Röntgenreihenuntersuchungen.

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Sanatorien

Die Behandlung der Schwindsucht hat sich im Laufe der Jahrhunderte kaum geändert. Bereits im Altertum wurden neben religiösen und magischen Therapien spezielle Diäten, Milch, Ruhekuren, Bäder, Öleinreibungen und Reisen in südliche Gebiete (z.B. Ägypten) empfohlen. Bis zum 18. Jahrhundert gab es keine gravierenden Änderungen in der Behandlung, wenn man von einem exzessiven Aderlaß und dem Gebrauch von Blutegeln Ende des 18. Jahrhunderts besonders in Frankreich absieht. Die Einschätzung der Heilbarkeit der Schwindsucht war fast durchgängig negativ; daran änderten auch die zu jeder Zeit propagierten „Wundermittel“ nichts, die schnell ihre Wirkungslosigkeit unter Beweis stellten.

Das änderte sich erst mit Herrmann Brehmer (1826-1889), der 1856 in seiner ins Deutsche umgearbeiteten Dissertation „Die Gesetze und die Heilbarkeit der chronischen Tuberculose der Lunge“ die Tuberkulose für heilbar erklärte; 1857 folgte „Die chronische Lungenschwindsucht und Tuberculose der Lunge, ihre Ursache und ihre Heilung“. Die Tatsache, daß hier ein Arzt mit größter Überzeugung von der Heilbarkeit der Schwindsucht an von ihm so genannten „immunen Orten“ sprach, ließ Tausende hoffen. Als „immun“ galten für Brehmer Orte, an denen sich unter der einheimischen Bevölkerung gar keine oder nur äußerst selten Tuberkulosefälle ereignet hatten. Nach langwierigen Verhandlungen mit den Behörden und mit Unterstützung Alexander von Humboldts und Johann Lukas Schönleins begann 1863 der Ausbau des ersten größeren Sanatoriums in Görbersdorf (Schlesien), das sich über viele Jahre eines regen Zustroms von Kranken erfreute und zum Vorbild aller Lungenheilstätten wurde. „Görbersdorf“ und „Lungenheilanstalt“ wurden damals fast austauschbare Synonyme.

Die von Brehmer begründete Freiluft-Liegekur, verbunden mit einer stark disziplinierenden Lebensweise, wirkte wie eine Entdeckung und wurde zum Haupttherapeutikum im letzten Viertel des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Den berühmten, aus blauem Glas gefertigten Taschenspucknapf „Blauer Heinrich“, der mit seinem Namen beschriftet ist, stellte Peter Dettweiler (1837-1904) 1889 vor. Zweck dieses und anderer in der Folge konstruierter Spucktassen, Spucknäpfe und Spuckflaschen war es, den als ansteckungsfähig erkannten Auswurf der Kranken, das Sputum, gefahrlos zu entsorgen. Desinfektionsmittel und –apparate wurden besonders wichtig im Kampf gegen die Tuberkulose, denn solange es kein Heilmittel gab, mußte Sorge getragen werden, daß Tuberkuloseerreger so weit wie möglich vernichtet wurden.

Liegestuhl, „Blauer Heinrich“ und Fieberthermometer wurden zu den typischen Attributen der Tuberkulosekranken.

Jedes Sanatorium und jede Heilstätte verfügte über Balkone oder Liegehallen, in denen die Kranken „horizontal“ mehrere Stunden des Tages die Wohltaten der frischen Luft und der Sonne genießen sollten.

Obwohl auch den ärmeren Bevölkerungskreisen Volksheilstätten und Walderholungsstätten aus Angst vor einem weiteren Umsichgreifen der Tuberkulose in wachsender Zahl zur Verfügung gestellt wurden, gab es natürlich weiterhin luxuriöse Sanatorien für zahlungskräftige Kranke.

 

Liegekur Davos, Ansichtskarte um 1900

 

Einer der berühmtesten Sanatorienorte wurde Davos, ein in etwa 1500 Meter Höhe liegender Zusammenschluß von Davos-Platz und Davos-Dorf. Um die in Davos neu ankommenden Gäste über die bereits anwesenden zu informieren, lag den „Davoser Blättern“ eine Fremdenliste bei, in der unter den jeweiligen Sanatorien und Kurhäusern Name und Herkunft, mitunter auch der Stand der mehr oder weniger illustren Gäste aufgeführt war. Der „Zauberberg“ Davos bemühte sich sehr, den Bedürfnissen seiner Gäste nach Zerstreuung Rechnung zu tragen: vom Tanztee auf der „Schatzalp“, über Schlittenpartien, Schlittschuhlaufen, Filmvorführungen bis hin zu Konzerten und Theateraufführungen reicht die Palette. Denn viele der Gäste blieben wochen- oder monatelang in Davos, ein Datum für die Rückreise konnte nicht festgelegt werden, solange Heilung, Besserung oder der Tod in den Sternen stand. „Gültig bis zur Heilung“ lautete auch der Aufdruck auf den Fahrkarten der Schweizer Bundesbahnen Richtung Davos. Die Frage, ob ein mehrwöchiger bis mehrmonatiger Aufenthalt in einer Lungenheilstätte effektiv ist, ist schwer zu beantworten; schon zur Hochzeit der Heilstättenbewegung gab es hierzu unterschiedliche Meinungen. Zwei Vorteile hatte der Aufenthalt der Tuberkulosekranken in speziell für sie vorgesehenen Einrichtungen auf jeden Fall: Zum einen waren die ansteckungsfähigen Kranken isoliert, d.h. ihr soziales Umfeld zu Hause stand wenigstens eine Zeitlang nicht in der unmittelbaren Gefahr, infiziert zu werden. Zum anderen wurden die Kranken in hygienischem Sinne sehr streng erzogen, so daß zumindest die Hoffnung bestand, daß sie bei ihrer Rückkehr die erlernten Vorsichtsmaßnahmen beibehielten.

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Weitere Behandlungsmethoden und diagnostische Hilfsmittel

Neben der Heilstättenbehandlung, manchmal kurios anmutenden Therapien wie der mit statischer Elektrizität und der Suche nach einem Heilmittel entwickelte sich die chirurgische Behandlung der Tuberkulose. Vor allem der Pneumothorax, den bereits 1696 Giorgio Baglivi vorgeschlagen hatte, der aber erst Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts verstärkt durchgeführt wurde, wurde teilweise in Konkurrenz zur Freiluft-Liegekur gesehen.

Das Röntgenverfahren, 1895 durch Wilhelm Conrad Röntgen entdeckt, wurde für die Diagnostik bzw. Kontrolle über den Fortschritt der Behandlung von ungeheurer Bedeutung.

Das von Robert Koch entwickelte Tuberkulin, ursprünglich als Heilmittel gedacht, wurde später als Diagnostikum benutzt (z.B. „Tuberkulosediagnostik durch Stichreaction“, Ampullen „Alt-Tuberculin Koch“ um 1910).

Der Wert einer Tuberkuloseprävention durch den BCG-Impfstoff, der 1921 hergestellt werden konnte, war und ist bei den Medizinern umstritten.

Der „Siegeszug“ der Wissenschaft trat vor allem ein mit der Einführung der antibiotischen Therapie mit Streptomycin durch Selman Waksman im Jahre 1944 und der Ausrottung der Rindertuberkulose durch Massenschlachtung infizierter Tiere.

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Rückgang und mögliche Rückkehr der Tuberkulose

Ab den späten 70er Jahren unseres Jahrhunderts ist das Gefühl für die Gefahr einer Tuberkuloseerkrankung in der westlichen Welt merklich zurückgegangen. Die Angst davor wurde durch Präventiv- und Behandlungsmethoden ausgeräumt, und die Heilstätten für Tuberkulosekranke konnten geschlossen bzw. einer anderen Aufgabe zugeführt werden. In anderen Ländern bricht diese Krankheit zwar immer wieder aus oder ist endemisch stärker vertreten, doch die Kenntnis dieses Geschehens führte bisher nicht zu einer neuen Angst vor Tuberkulose. Das könnte sich jedoch mit einer zunehmenden Ausbreitung eines neuen, bislang therapieresistenten Tuberkuloseerregers ändern, der gehäuft in den USA auftritt. Dort finden sich die meisten frischen Infektionen vor allem bei Menschen, die an einer Abwehrschwäche litten oder unter ungünstigen hygienischen und sozioökonomischen Bedingungen lebten: bei Aidspatienten, jungen Obdachlosen und Menschen, die räumlich eingeengt sind. Auch die sich dramatisch verschlechternden Lebensbedingungen in der ehemaligen Sowjetunion leisten der Verbreitung der Tuberkulose Vorschub. Am schlimmsten sieht es jedoch in den afrikanischen Ländern aus. Dort führt die hohe Aids-Verbreitung zu einem erschreckenden Anstieg der Tuberkulose: In Afrika südlich der Sahara sind von sieben Millionen HIV-Infizierten knapp dreieinhalb Millionen an Tuberkulose erkrankt. Aids und Tuberkulose, so befürchten Epidemiologen, könnten sich durch gegenseitige Wechselwirkung stärker ausbreiten, als dies bislang für die eine beziehungsweise andere Krankheit voraussehbar ist. Wenn sich dieser Trend verstärkt und wenn die Tuberkulose auch in Europa wieder ausbricht, wird das Bild der Tuberkulose als Armutskrankheit das noch bestehende romantische Bild der Tuberkulose ganz schnell verdrängen.

Quelle: Auszüge aus dem Ausstellungsband „Das große Sterben – Seuchen machen Geschichte“

© 1995 Deutsches Hygiene-Museum Dresden

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