Tuberkulose in Oberbayern als Spiegel der Wanderungsbewegungen

"Die Schwindsucht"

Autor: Dr. Walter Gronauer, Tuberkulosefürsorgearzt

In vielen Teilen der Welt ist  Krieg. Da nach Schätzungen der WHO ca. ein Drittel der Menschheit den Tuberkuloseerreger in sich trägt, 95 % der Tuberkuloseerkrankungen jedoch in den Ländern der „ Dritten und Vierten Welt „ vorkommen, ist es naheliegend, dass  manche zuwanderungsbedingten Tuberkuloseerkrankungen erst nach Ankunft in Bayern  auffallen.

Bei  einzelnen Erkrankungen ergab sich die Diagnose beispielsweise im Rahmen der gesetzlichen Regelungen nach Stellung eines Asylantrags bei der Röntgenuntersuchung durch den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), bei anderen, bei Aufnahme einer Berufstätigkeit, wieder andere fielen bei Umgebungsuntersuchungen durch die Gesundheitsämter auf, wenn eine Tuberkuloseerkrankung im Umfeld des Betreffenden gemeldet wurde, bei einigen handelt es sich auch um „Zufallsbefunde“, wenn z. B. wegen einer geplanten Operation eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs veranlasst wurde u. a. m......

Nur bei einem Teil der Patienten fällt die aktive Tuberkuloseerkrankung wegen unklarer Beschwerden in der Arztpraxis oder im Krankenhaus auf.

 

Außergewöhnliche Belastungen beeinflussen das Immunsystem.

Die Flucht aus einem Land, in dem Krieg, Bürgerkrieg, Verfolgung oft mit sehr harten Haftbedingungen oder auch wirtschaftliche Not herrschen, bedeutet für viele eine erhebliche Belastung des  Immunsystems, wobei dann eine alte Tuberkulose leicht reaktivieren kann und zudem höhere Ansteckungsgefahr besteht, als  unter den Friedensvoraussetzungen des Gastlandes mit niedriger Tuberkuloseprävalenz. (z. B. „Zusammengepferchtsein im Lager“)

So verwundert es nicht, dass in den vergangenen Jahren auch die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Gebiet des früheren Jugoslawien (z. B. im Bereich des heutigen Kroatien und Bosnien, vor allem aber im Kosovo) anschließend mit einer erheblichen Anzahl aktiver Tuberkuloseerkrankungen im Regierungsbezirk Oberbayern zu Buche schlugen.

In den Jahren 1993 bis 1997 wurden alljährlich in Oberbayern jeweils über 100 Tbc-Fälle aus Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien registriert. 1994 waren es alleine 153 Fälle.

 

Vermehrt gefährdet sind ferner vor allem Zuwanderer aus Süd-Ost-Asien, Afrika und Latein-Amerika, in Europa besonders Zuwanderer aus Ost- und Süd-Ost-Europa (z. B. GUS-Staaten, Rumänien und Türkei).

Im Rahmen der politischen Veränderungen und wirtschaftlicher Turbulenzen  ist gerade in den Nachfolgestaaten des früheren „Ostblocks“ die Tbc-Überwachung problematisch geworden.

Geeignete Medikamente waren offenbar nicht immer verfügbar. Die Folge war, sofern die Krankheit überhaupt entdeckt und behandelt wurde, häufig eine zu kurze Behandlungsdauer von z. B. nur zwei Monaten oder gar die Behandlung mit  jeweils nur einem Tuberkulosemedikament. Dies wiederum kann nicht nur später zur Reaktivierung der durchgemachten Tuberkulose, sondern, was noch viel schlimmer ist, zur Resistenzentwicklung der Tuberkulosebakterien gegen bislang wirksame Medikamente führen.

Bei Wiedererkrankungen bedeutet dies, dass die Tuberkulose des Erkrankten unter Umständen mit den gängigsten Therapeutika nicht mehr behandelbar ist, oder gar unbehandelbar werden kann, wie sie es in früheren Zeiten lange war.

Falsche oder unzureichende Vorbehandlung macht die Tuberkulosetherapie aber nicht nur schwierig, sondern meist auch sehr teuer. Folglich ist es besonders wichtig, dass bei Zuwanderern aus Ländern hoher Tuberkuloseprävalenz bei Einreise jeweils konsequent eine aktive Tuberkuloseerkrankung frühzeitig ausgeschlossen wird.

Im Erkrankungsfall kann die schnelle Abklärung und fachkundige Einleitung einer geeigneten Kombinationstherapie mit Antibiotika unter Umständen lebensrettend sein. Besonders wichtig ist im Falle der Bakterienausscheidung die bakteriologische Typendifferenzierung und der Resistenztest. So kann eine passende antituberkulotische Kombinationstherapie zusammengestellt und die Weiterverbreitung resistenter Bakterien verhindert werden.

Bei Gruppenerkrankungen haben die Gesundheitsämter neben den klassischen Umgebungsuntersuchungen unter Umständen die Möglichkeit, über das nationale Referenzzentrum für Mykobakterien mit Hilfe molekularbiologischer Verfahren den Infektionsweg nachzuverfolgen.

1999 sind in Oberbayern vereinzelt Resistenzen gegen folgende Medikamente aufgetreten:

Medikament

 Oberbayern
ohne München

Landeshauptstadt München

     
INH 4 1
SM 1 3
INH + SM 2  
INH + EMB 1 1
SM + PTH   1
INH + SM + EMB   1
RMP + SM + CS   1
INH + SM + PZA   1
INH (neu) + RMP+SM+EMB1   2

 

Die resistenten Mykobakterien verteilen sich auf Patienten aus folgenden Ländern:

Deutschland

Rumänien
Somalia
Thailand
Ukraine
Vietnam

Entscheidend für die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in seinem Leben an einer Tuberkulose erkranken wird, ist wegen der unterschiedlichen Voraussetzungen in den Ländern der Welt nicht seine aktuelle Nationalität, sondern sein Geburtsland.

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