Darmpilzerkrankungen
(Darmmykosen)

Im Darm leben eine Vielzahl von Mikroorganismen: rund 100 Billionen Mikroben, etwa 50 mal so viele wie die gesamte Zellzahl unseres Körpers. Die meisten befinden sich vor allem an den Endabschnitten des Verdauungstraktes, also Mund und Dickdarm. Kein Wunder, daß Darmpilzerkrankungen ein weit verbreitetes Phänomen sind.

von Dr. med. Bertram Disselhoff, Gießen

Mikroben, die im Darm ansässig sind, leben mit uns in einer Symbiose, also zu einem gegenseitigen Nutzen. Den Gewinn, den die Organismen aus ihrem Standort Darm ziehen, besteht aus einer stets wohlgefüllten Speisekammer in Form eines langsam vorbeigleitenden, vorverdauten Speisebreies. Der Mensch profitiert wiederum von gewissen Stoffwechselprodukten und Verdauungsmechanismen der Bakterien. So geschieht unsere Versorgung mit Vitamin K durch der Hilfe der Darmbakterien. Darüber hinaus dienen die Bakterien als „Platzhalter": Da wo sie siedeln, kann ein eventuell krankmachender Keim sich nicht niederlassen.
Der Konkurrenzdruck der Mikroben ist groß: Wird die Flora etwa durch Medikamente geschädigt, nutzen andere „Gäste", darunter auch Pilze, ihre Chance. Der Umsatz der Darmflora ist erstaunlich: Alle paar Tage tauscht sich die Besiedlung aus.

Wird die Symbiose gestört, kann der Mensch erkranken. Bei einer antibiotischen Therapie beispielsweise wird nicht nur der Erreger abgetötet, der uns etwa eine Bronchitis beschert, sondern das Medikament wirkt auch auf die Bakterien des Darmes. So können Durchfälle entstehen, die dann als Nebenwirkung des Antibiotikums auftreten. Kurz, wir brauchen diese Darmflora zu unserem Wohlbefinden.
Dabei ist es wichtig zu wissen, daß der Darm nicht nur zur Verdauung dient. Er stellt mit seinem assoziierten, lymphatischen Organ eines der wichtigsten immunologischen Zentren des Körpers dar, dient also zur Abwehr von Infektionen. Die Darmflora besteht vor allem aus anaeroben Keimen, wie das sogenannte Bifidobakterium im Dickdarm. Sehr bekannt ist auch das Echerichia coli Bakterium, das aber nur einige Prozente der Darmflora ausmacht.

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Die Darmpilze in der Sicht der Schulmedizin

Bei etwa 50 % der Bundesbürger lassen sich auch Candida-Pilze nachweisen, am häufigsten Candida albicans. Dieser Pilz gehört zu den Sproßpilzen und wird von der Medizin als ein „fakultativ pathogener" Keim bezeichnet, d.h. er macht nur unter bestimmten Umständen krank. In einer Konzentration von bis zu maximal 105 Keimen/g Stuhl wird er als normal Gast im Darm betrachtet. Erst wenn diese Keimzahl überschritten wird oder Candida in Körperregionen nachgewiesen wird, in denen es nichts zu suchen hat, etwa an inneren Organen, spricht man von einer sogenannten Mykose, einer Pilzerkrankung.
Zu einer solchen Mykose kann es kommen, wenn z.B. Erkrankungen vorliegen, die das Immunsystem schwächen. Bei gesunden Menschen findet nämlich eine dauernde Auseinandersetzung zwischen unserer Abwehr und den Keimen statt. Normalerweise werden die Pilze, die auf Wachstum und Vermehrung ausgerichtet sind, von Abwehrzellen in Schach gehalten. Funktioniert die Abwehr aus irgendwelchen Gründen nicht, können die Pilze sich sehr schnell vermehren und ausbreiten. Faktoren, die den Pilzbefall fördern sind z.B. Infektionserkrankungen, Diabetes mellitus, Darmerkrankungen, aber auch die Einnahme von Antibiotika oder Cortison. Im Munde kann dann z.B. ein „Soor" sichtbar sein, ein weißlicher Belag. In schlimmsten Falle kann es zu einer sogenannten Pilzsepsis kommen, bei der der Pilz Anschluß an die Blutbahn bekommt und zu den Organen verschleppt wird. Ein häufiges Symptom eines massiveren Pilzbefalles des Darmes ist der Durchfall, eventuell im Wechsel mit Verstopfung, aber auch Blähungen und uncharakteristische Bauchbeschwerden können auftreten.

Der Pilznachweis geschieht in aller Regel durch eine Stuhluntersuchung, seltener werden im Rahmen einer Darmspiegelung Gewebsproben entnommen und angezüchtet. Die Analyse einer einmaligen Stuhlprobe ist nicht ausreichend aussagekräftig, da es sich um eine sogenannte transiente Flora handeln kann, also Pilze nur vorübergehend im Darm vorhanden sind. Zu berücksichtigen ist auch, daß die Kultur von Pilzen nicht einfach ist; so kann ein fehlendes Wachstum auf dem Nährboden falsche Befunde ergeben. Es ist also in jedem Falle zu empfehlen, mehrere Stuhlproben zu analysieren.

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Die Therapie der Pilzerkrankung

Neben der Behandlung einer eventuell zugrunde liegenden anderen Erkrankung besteht die Therapie im wesentlichen in der Gabe von Antimykotika, also Medikamente, die die Pilze eliminieren. Ein bekannter Vertreter ist das Nystatin, ein Medikament, das bei Darmpilzen verabreicht wird und nur im Darm wirkt, also nicht von Körper aufgenommen wird. So ist es relativ nebenwirkungsfrei.

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Die Pilzerkrankung aus der Sicht der Naturheilkunde

Viele Therapeuten beschreiben eine Reihe von Symptomen, die durch einen Darmpilzbefall verursacht werden können und fassen die Erscheinungen unter dem Begriff „Candidahypersensitivitätssyndrom" zusammen: Dazu können unter anderem Blähungen, chronische Müdigkeit, Wechsel von Durchfall und Verstopfung, Migräne, Depressionen, Heißhunger auf Süßes, Allergien, Hauterkrankungen, Infektionsanfälligkeit gehören. Nicht nur die oben genannten immunschwächenden Erkrankungen, sondern auch Umweltgifte (einschließlich Nikotin und Alkohol), Fehlernährung durch zuviel Zucker und Kohlenhydrate und die Einnahme von Medikamenten wie der Pille fördern das Pilzwachstum durch Schädigung der Darmflora und des Immunsystems.

Dementsprechend werden eine Reihe alternativer Maßnahmen zur Pilzbekämpfung empfohlen:

Gerne werden auch homöopathische und pflanzliche Medikamente verordnet, um z.B. Entgiftungsmaßnahmen durchzuführen.

Von anderer Seite her werden diese Maßnahmen sehr angezweifelt. Der Wert einer Zucker- oder Kohlenhydratreduzierten Diät wird völlig abgelehnt, da allein im Speichel schon ausreichend Zucker enthalten ist, um die Pilze im Darm zu ernähren. Die Therapie mit Nystatin wird in ihrer Effizienz nicht bestritten, allerdings seien nach einigen Tagen bereits wieder Pilze in gewisser Menge im Stuhl nachweisbar, weil diese ja aus der Mundhöhle heruntergeschluckt werden. Darüber hinaus führt jede Art der Pilztherapie zu einer möglichen Steigerung der Aggressivität der Pilze, da diese sich durch das Pilzmyzel (den „Pilzwurzeln") vermehrt in die Darmzellen eingraben können.

So wird die Diskussion zwischen z. T. extrem unterschiedlichen Standpunkten geführt, die auch die mykologischen Experten miteinbezieht. Dabei spannt sich der Bogen von: „Jeder Pilz im Darm ist ein Pilz zuviel und stellt eine Art biologischer Zeitbombe dar" bis hin zu „Pilze im Darm stellen einen völlig normalen Befund dar wie etwa die Zähne im Mund."


Ist nun dem betroffenen Patienten zu raten, einen nachgewiesenen Pilzbefall zu behandeln?

Oberhalb der Konzentration von 10000 Keimen/g Stuhl ist eine Therapie einschließlich einer Abklärung der Ursachen eines solchen Pilzwachstums sinnvoll. Unterhalb dieser Grenze und ohne dem Vorhandensein irgendwelcher Beschwerden halte ich eine Pilzeliminierung nicht für angezeigt. Sind dagegen Symptome vorhanden, die sich als therapieresistent erweisen und gelingt darüber hinaus der Nachweis eines deutlichen Darmpilzbefalles, halte ich den Versuch einer antimykotischen Therapie für gerechtfertigt. Dies betrifft vor allen Dingen Beschwerden im Bereich des Magen-Darm-Traktes, bei Allergien und Hauterkrankungen wie einem chronischem Ekzem oder einer Urtikaria (Nesselsucht).
Ein wichtiger Bestandteil der Therapie besteht in jedem Falle in der Gabe von Antimykotika. Weitere Maßnahmen wie Diäten, Darmspülungen und weiteres möchte ich an dieser Stelle nicht abschließend beurteilen. Die beste Therapie wird die sein, mit der jeweilige Therapeut seine persönlich guten Erfahrungen gemacht hat und die er ausreichend beherrscht. Hier gilt es einen Weg zu finden zwischen persönlicher, ärztlicher Kunst und der Wissenschaft - beides ist nicht immer identisch.

Die Vertreter der extremen Lager in der Pilzdiskussion überzeugen mich nicht. Weder das völlige Ablehnen einer krankmachenden Wirkung von Darmpilzen, noch die Behandlung um jeden Preis werden der Problematik gerecht. Besonders aber abzulehnen ist die zum Teil geschürte Pilzangst, bei der ein Befall von Pilzen mit der Entwicklung möglicher schwerster Erkrankungen wie Krebsleiden in Zusammenhang gebracht wird. Die Diskussion ist in jedem Falle noch nicht abgeschlossen und wird wohl noch längere Zeit geführt werden.

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