Seuchengeschichte
Pocken - Seuchengeschichte
Blatter=Beltzen, 1721

Wählen Sie bitte das gewünschte Kapitel

Die Pocken – ein alltäglicher Schrecken bis ins 18. Jahrhundert

„Variolation" – der Vorläufer der Pockenschutzimpfung

Edward Jenner und die Einführung der Vakzination

Impfpropaganda

Der Zugriff des Staates

Die Zeit der Ernüchterung

Die Pocken – ein alltäglicher Schrecken bis ins 18. Jahrhundert

War zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert vor allem die Pest die große „Skandal"-Seuche bzw. „Leitkrankheit", so war seuchengeschichtlich gesehen das 18. Jahrhundert dasjenige der Pocken. Sicherlich waren Pockenepidemien schon viel früher aufgetreten. Über Jahrhunderte wiederholten sie sich immer wieder. Unter der Masse der als Pocken bezeichneten Erkrankungen waren jedoch auch Fälle von Windpocken, teils sogar von Masern oder anderen akuten Ausschlagskrankheiten. Das Krankheitsbild der echten Pocken (lateinisch: „variola") wurde in der Wissenschaft und viel mehr noch in der Alltagspraxis erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts schärfer abgegrenzt. Die Pockenkrankheit, in der Umgangssprache und in der Wissenschaft lange Zeit auch „Blattern" genannt, ist eine akute Erkrankung des Menschen durch das Pockenvirus. Diese Krankheitsursache war jedoch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht bekannt. Die Krankheit unterscheidet sich von der heute noch üblichen Kinderkrankheit der Windpocken (lateinisch: „varicella") vor allem durch ihre viel größere Gefährlichkeit. Nach einer 10 – 13tägigen Inkubationszeit und einigen Tagen fieberhaften Initialstadiums treten bei den Pocken im Gesicht und auf der ganzen Haut Pusteln hervor, die mit der Zeit eitern und abtrocknen. Bei einer besonders schweren Erkrankung fließen die Pusteln ineinander und entstellen den Körper, besonders das Gesicht, auf eine schreckenerregende Weise. Der akute Krankheitsverlauf dauert etwa zwei Wochen.

Moulage variola vera Gesicht

Moulage variola vera Gesicht

War ein Kind – oder seltener ein Erwachsener – mit den Pocken infiziert, so mußte das nicht unbedingt Lebensgefahr bedeuten. Die Sterblichkeit an dieser Krankheit zeigte sich in der Geschichte höchst unterschiedlich und schwankte durchschnittlich um zehn Prozent. Je nach Schwere der Epidemie konnte lediglich einer von zwölf, genauso aber auch jeder dritte Infizierte sterben. Als Folge der Krankheit blieben für die Überlebenden die berüchtigten Pockennarben, zum Teil aber auch andere bleibende Schäden wie eine Erblindung zurück. Bis zu ihrer endgültigen Eliminierung gab es keine Therapie, um eine ausgebrochene Pockenkrankheit wirksam zu behandeln.

Die Pocken waren die längste Zeit eine typische Kinderkrankheit, einfach aus dem Grund, weil ein Großteil der Menschen sie bereits als Kind bekam. Erwachsene, die die Pocken noch nicht durchgemacht hatten, waren allerdings keineswegs sicher vor ihnen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein traten die Pocken in allen Ständen und Schichten auf. Auch vor großen Herrschern machten sie nicht halt. 1768, im Alter von 50 Jahren, erlitt die österreichische Kaiserin Maria Theresia noch eine Pockenerkrankung. Für ihre Genesung wurde eigens eine Gedenkmedaille geprägt.

Ähnlich wie heute das Gespräch über Aids in aller Munde ist, wurden im 18. Jahrhundert die Pocken in vorher ungekannter Weise als Problem wahrgenommen. Unzählige Schriften von Ärzten, die sich an die Wissenschaft, die gebildete Bevölkerung oder den „Landmann" wandten, debattierten die Ursachen der damals so genannten „Pockennoth" und gaben Ratschläge zu ihrer Verhütung oder dem besten Verhalten bei einer Erkrankung. Diese Aufmerksamkeit gegenüber der Krankheit lag nicht zuletzt auch daran, daß sie nun schlimmer denn je grassierte. Sie herrschte endemisch, d.h. irgendwo im Land wütete sie immer. Sie brach in beinahe regelmäßigen Intervallen von vier bis sieben Jahren, d.h. wenn genügend ansteckungsfähige Kinder nachgewachsen waren, epidemieartig aus und infizierte einen großen Teil der Bevölkerung, welcher die Krankheit noch nicht durchgemacht hatte. Das waren meist die nachgeborenen oder beim letzten Mal verschonten Kinder. Die Seuche kam, brachte die Kinder um oder bewahrte sie für die Zukunft vor nochmaliger Ansteckung. Die Pocken hatten damit auch einen erheblichen Anteil an der ohnehin großen Kinder- und Säuglingssterblichkeit dieser Zeit. Sie waren eine der häufigsten, wenn nicht die häufigste Todesursache der Kinder.

Hauptsorge der Eltern war es weniger, die Kinder vor einer Erkrankung zu schützen, als sie gut „durch die Pocken" zu bringen. Diese Krankheit war damit keine plötzliche und unerwartete Katastrophe wie etwa die Cholera und zum Teil die Pest, sondern eine relativ erwartbare Bedrohung. Aus diesem Grund wurde sie viel mehr noch als die anderen Seuchen zum Bestandteil des individuellen oder kollektiven Alltagslebens der Familien. „Es ist nur ein Pockenkind", sagte man dem Hallenser Medizinprofessor Juncker, als er sich in dieser Zeit bei einer Beerdigung über die Teilnahmslosigkeit der Trauergemeinde wunderte.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

„Variolation" – der Vorläufer der Pockenschutzimpfung

Daß das Zeitalter der Impfungen mit Jenner eingeläutet wurde, ist im Grunde genommen falsch. Denn viele Jahrzehnte vor 1796, als der englische Landarzt den ersten Versuch unternahm, einen Menschen durch Einimpfen der relativ ungefährlichen Kuhpocken gegen die mit ihnen verwandten Menschenpocken zu immunisieren („Vakzination"), wurde bereits in begrenztem Umfang eine andere Art des vorbeugenden Pockenschutzes praktiziert, die „Variolation". Diese Methode war die Einimpfung echter Menschenpocken. Die künstlich herbeigeführte Infektion, nach Möglichkeit mit Pockenmaterial aus einer leichten Epidemie, sollte wesentlich ungefährlicher, schwächer und kontrollierter ablaufen als eine spontane Erkrankung. Zeitgenössisch wurde die Variolation als „künstliche Blattern" von den „natürlichen Blattern" unterschieden. Ein anderer geläufiger Begriff für diese Maßnahme war zu dieser Zeit derjenige der „Inokulation", der genau genommen lediglich der Sammelbegriff für alle Formen von Impfungen ist, von denen es damals aber nur diese eine gab.

Es war unter anderem die Frau des britischen Botschafters in Konstantinopel, Lady Mary Wortley Montague, die die Ärzte ihrer Heimat auf die in der Volksmedizin ihrer Umgebung verbreitete Praxis der Pockeninokulation hingewiesen und in der Folge für eine Einführung der Methode in England geworben hatte. Im Jahre 1721 wurde diese Maßnahme dort erstmals angewandt. Auch in Deutschland war dieses Verfahren in der Volksmedizin als sogenanntes „Blatter-Beltzen" bereits vereinzelt praktiziert worden. Das Buch des Arztes Abraham Vater ist demnach eines der frühesten medizinischen Werke, das auf dieses Verfahren hinweist.

Blatter=Beltzen, 1721

Blatter=Beltzen, 1721

Die Stimmung für oder gegen die Variolation war sowohl in der Bevölkerung als auch unter der Ärzteschaft und den Regierungen nicht nur gegensätzlich, sondern auch wechselhaft. Treffend faßte der Wiener Professor De Haen im Jahr 1755 die Entwicklung zusammen: „(...) seit 18 Jahren (...) hat die Einimpfungsmethode verschiedene Schicksale erfahren: bald wurde sie, wie z.B. in Frankreich und den Niederlanden, aufgenommen und angerühmt; bald schrie das Volk dawider, oder die Gerichtshöfe setzten ihrem ferneren Fortgange Verordnungen entgegen..."

In der Tat hatte die Variolation des 18. Jahrhunderts vor allem zwei ernstzunehmende Nachteile, die ihre Vorteile widrigenfalls ganz aufheben oder gar übertreffen konnten.

Auf der individuellen Ebene konnte sich die Infektion mit echten Menschenpocken für den Impfling zu einer richtigen, schweren und unbegrenzten Pockenerkrankung ausweiten, dem Impfling lebenslange Gesundheitsschäden (z.B. Blindheit) beibringen oder gar tödlich für ihn enden. Wie groß dieses Risiko für das geimpfte Individuum war, wurde vielfach und mit unterschiedlichem Ergebnis zu berechnen versucht. Nach dem Begründer der deutschen Bevölkerungsstatistik Johann Peter Süßmilch starb jeder 300. Impfling und zehnmal mehr hatten mit Nachkrankheiten zu rechnen. Eine englische Risikoberechnung von 1727 besagte, das Risiko, an den geimpften Pocken zu sterben, sei 2:182, während das des natürlichen Pockentodes 2:17 sei.

Auf der kollektiven Ebene hatte die Variolation den zweiten großen Nachteil, daß durch sie der Ansteckungsstoff der Pockenkrankheit noch weiter fortgepflanzt wurde, als er es bei einer Epidemie ohnehin getan hätte. Schlimmstenfalls konnte durch die Variolation in einem Ort sogar eine Pockenepidemie erst ausgelöst werden.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Edward Jenner und die Einführung der Vakzination

Der „Geburtstag" der Vakzination war der 14. Mai des Jahres 1796, als der englische Wundarzt Edward Jenner seinen ersten Impfstoff von der Kuhmagd Sarah Nelmes nahm, die sich beim Melken an der Hand mit Kuhpocken infiziert hatte. Jenner ließ diese Hand seiner ersten Impfstofflieferantin sogar in Kupfer stechen, um der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zu zeigen, wie diese auf den Menschen übertragenen Kuhpockenpusteln aussahen.

Hand der Kuhmagd Sarah Nelmes, Kupferstich 1799

Hand der Kuhmagd Sarah Nelmes, Kupferstich 1799

Mit diesem Stoff impfte er den Jungen James Phipps, wartete, bis sich auch bei diesem Pusteln entwickelt hatten und wieder abgeheilt waren, um schließlich die Gegenprobe zu machen: Er impfte dem Jungen sechs Wochen später echte Menschenpocken ein und einige Monate darauf nochmals, doch entwickelte sich bei ihm keine Pockenkrankheit. Mit diesem einen Fall war zwar noch kein Beweis der Wirksamkeit seiner Schutzmethode gegeben, doch es wurde mit zunehmenden Versuchen immer wahrscheinlicher, daß die Schutzwirkung so ablief, wie Jenner es sich dachte.

Die Anfänge der Vakzination auf dem Kontinent fallen in etwa mit der damaligen Jahrhundertwende zusammen. Die große Welle beginnt 1800. Rührige Ärzte brachten Impfstoff aus England mit oder sie ließen ihn sich aus England schicken, teils von Jenner selbst. Damit stellten sie eigene Versuche an und berichteten in den Fachzeitschriften darüber. Bei dem regen brieflichen Austausch, den viele von ihnen zudem untereinander hatten, verbreitete sich die Innovation mit dem Impfstoff in erstaunlicher Geschwindigkeit. Noch im Jahr 1800 dürfte in jeder großen und mittleren Stadt Deutschlands bereits mindestens einige Male geimpft worden sein. In Berlin war Johann Immanuel Bremer (1745-1816) der Arzt, der sich am eifrigsten um die Ausbreitung der Vakzination bemühte. Bereits 1800 brachte er in einer „Vaccinations-Schule" den Kollegen seine Impftechnik bei, im Folgejahr veröffentlichte er sein erstes Buch über die Impfung und wurde 1802 erster Leiter des „Königlich-preußischen Schutzblattern-Instituts", das nicht allein unzählige Impfungen teils kostenfrei anbot, sondern sich auch darum bemühte, möglichst frischen Impfstoff von Kühen oder Menschen zu bekommen, um Ärzte in der näheren und weiteren Umgebung damit zu versorgen. Das Bremersche Institut entwickelte sich zu einer Art Zentralstelle für das Impfgeschehen in Preußen und darüber hinaus.

Bereits im Jahr 1803 hatte ein Buch über die Vakzination den utopisch-naiven Titel „Die Pocken sind ausgerottet". Die aufklärerisch bewegten Ärzte erlitten deshalb nachgerade einen Schock, wenn sie ihre Methoden anwenden wollten und vor allem auf dem Lande und in den unteren Sozialschichten nicht auf Begeisterung für die Impfung, sondern auf Desinteresse, Skepsis oder offene Ablehnung stießen. In der Hauptsache zweifelten diese Eltern am Nutzen der Maßnahme und fürchteten ihre Schädlichkeit. So glaubten sie etwa, die Pocken seien ein notwendiger Reinigungsvorgang des Körpers von schlechten Säften, den die Impfung verhindere. Dadurch entstünden womöglich schlimmere Ersatzkrankheiten. Was im Grunde genommen den größten Unterschied zur euphorischen Ärzteschaft darstellte, war die viel geringere Bereitwilligkeit, mit einer noch unbekannten Innovation auch nur ein kleines gesundheitliches Risiko einzugehen. Hinzu kamen noch religiöse Erwägungen, ob es denn im christlichen Sinne recht sei, in das gesundheitliche Schicksal, das ja auch eine Gottesstrafe sein könne, so einfach eingreifen zu wollen.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Impfpropaganda

Die Frage, wie die mangelnde Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, überwunden werden sollte, war ein ernsthaftes Problem, mit dem sich die Ärzteschaft, die Regierungen und die Medizinalverwaltungen über viele Jahrzehnte abmühten. Grundsätzlich boten sich nur wenige Lösungen an, die allesamt ihre Probleme mit sich brachten: überzeugen, Anreize schaffen oder zwingen. Letzten Endes gibt es für ähnliche Fälle auch heute kaum andere Wege.

Besonders einfallsreich für seine Zeit zeigte sich der impfbegeisterte Bückeburger aufklärerische Arzt Bernhard Christoph Faust. Er ließ seine Argumente für die Vakzination als großes Flugblatt unter dem Titel „Zuruf an die Menschen: Die Blattern, durch Einimpfung der Kuhpocken, auszurotten" drucken, damit es an öffentlichen Orten wie Gaststuben ausgehängt werden könne. Faust schrieb im Jahre 1804 viele der deutschen Regenten an und schlug ihnen vor, sein Flugblatt nachdrucken und verteilen zu lassen. Einige von ihnen gingen auf den Vorschlag ein. Auf Anregung des Bremerschen Impfinstituts in Berlin etwa wurden in Preußen mit den Jahren 20.000 Exemplare gedruckt.

Einen anderen Weg der „Impfpropaganda", der auch die Analphabeten direkt erreichte, schlugen aufklärerische Pfarrer ein. Als geistige Elite ihres Ortes sahen sie es ebenfalls als ihre Aufgabe an, die traditionelle Bevölkerung von den neuen Errungenschaften zu überzeugen. Sie predigten von der Kanzel herab, daß es einzig im Sinne Gottes sein könne, sich und seine Kinder auf Erden gesund zu erhalten und mithin impfen zu lassen. Einige der Pfarrer ließen diese Predigten auch noch drucken, wie es etwa der sächsische Pfarrer Thierfeld tat, damit sich Kollegen ihrer bedienen konnten. Manche Regierungen verpflichteten die Pfarrer sogar dazu, zumindest staatliche Regelungen verlesen zu lassen.

Noch zielgerichteter als die allgemeine Predigt konnten die kirchlichen Bräuche im Lebenslauf für die Impfpropaganda eingesetzt werden. In Genf etwa wurden die Eltern bereits bei der Taufe ihrer Kinder dazu ermahnt, diese auch impfen zu lassen. Einer Impfung gleich mit der Taufe, die zuweilen vorgeschlagen wurde, standen jedoch medizinische Gründe entgegen: Die Kinder waren dann noch zu klein für eine Impfung. Einfacher war es in späteren Jahrzehnten, als die Notwendigkeit einer Wiederimpfung allgemein anerkannt war, diese in protestantischen Gegenden mit dem Konfirmationsunterricht oder anderswo mit der Schulentlassung zu verbinden.

Neben der Propaganda gab es die Möglichkeit, den Eltern Anreize für die Impfung zu schaffen oder zunächst Hindernisse dafür aus dem Weg zu räumen. Daß die Impfung kostenlos sein müsse, war allerdings nur für manche der deutschen Regierungen eine Selbstverständlichkeit. Der bayerische Staat etwa übernahm die Kosten für die seit 1807 verbindliche Impfung und bezahlte in zehn Jahren runde 136.000 Gulden; das war etwa ein Achtel des damaligen Gesundheitsetats.

Einen Anreiz ganz andere Art für die Kinder ließ sich wiederum der Arzt Bernhard Christoph Faust einfallen. In seinem Wohnort Bückeburg ließ er über viele Jahre an jedem 14. Mai, dem Geburtstag der Vakzination, das sogenannte „Krengelfest" feiern. Dabei machten die Kinder zu Ehren von Jenner einen Umzug, bei dem ein aus Porzellan nachgebildeter Arm mit Impfpusteln darauf mitgetragen wurde. Jedes Kind, das sich danach von Faust impfen ließ, bekam als Belohnung eine Brezel („Krengel"). Als Kinderfest im Andenken an Faust wird dieser Brauch – ohne Impfung, aber mit Krengeln – seit einiger Zeit wieder begangen.

Geldprämien für die Impfung wurden den Kindern bzw. ihren Eltern anfangs vereinzelt gezahlt, etwa in Bayern. Vor allem in den ersten Jahren hielten sich die Kosten dafür auch noch im Rahmen. Als es jedoch darum ging, die gesamte Kinderschaft zu impfen, war es doch wesentlich billiger, statt eines materiellen Anreizes Zwang anzuwenden.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Der Zugriff des Staates

Die Einführung der Vakzination wird meistens deshalb als so bedeutend angesehen, weil mit ihr eine Seuche von der Erde getilgt werden konnte. Ebenso bedeutend ist die Pockenschutzimpfung aber dadurch, daß sie erstmals die gesamte Bevölkerung zum Objekt einer vom Staat bzw. der Medizinalbürokratie betriebenen Maßnahme machte. Dieser Zugriff auf den Patienten zeigte sich – wie sonst nirgends – ganz konkret und eigentlich bis heute in den Impfnarben, die die Menschen am Oberarm mit sich trugen und meist noch tragen. Das staatliche Wirken zeigte sich nicht allein im Impfzwang, sondern auch in der entstehenden Bürokratie, die den Impfzustand der Bevölkerung immer genauer festhielt. Waren es zunächst nur vereinzelte grobe Impflisten von Ärzten oder Pfarrern, so entstanden mit den Impfbüchern neben den Geburts- und Sterberegistern der Pfarrer die ausführlichsten Bevölkerungslisten ihrer Zeit, in denen peinlich genau festgehalten wurde, welche Kinder bereits geimpft waren und welche noch nicht. Noch heute erinnert die Masse der Impfbücher in den Archiven an diese Anfänge einer modernen Medizinalbürokratie.

Das Pendant zum Impfbuch der Verwaltung war auf der Seite der Patienten der Impfschein, das Zeugnis über eine erfolgreich und regelrecht durchgeführte Impfung.

Impfschein 1830

Impfschein 1830

Bevor auf breiter Basis Zwangsgesetze erlassen wurden, griffen die Regierungen zunächst regelnd in die Ausführung der Pockenprophylaxe ein. Solche Regelwerke bestimmten zum Beispiel, wer berechtigt sei, die Impfung durchzuführen. In Preußen etwa durften zeitweise auch die Pfarrer und Lehrer impfen, in Bayern konnten sich die akademischen Ärzte bald ein Impfmonopol sichern. In Württemberg durften auch die meisten handwerklichen Wundärzte impfen und führten den Löwenanteil der Impfungen aus.

Der Impfzwang ging noch einen wesentlichen Schritt weiter als die reine Impfbürokratie. Von den deutschen Flächenstaaten war es zunächst Bayern, das bereits seit 1807 einen verhältnismäßig rigiden Zwangskurs fuhr. Langsam folgten, in unterschiedlicher Intensität, andere deutsche Staaten dem bayerischen Vorbild, etwa das Großherzogtum Baden (1815), das Königreich Württemberg (1818) oder das Königreich Hannover (1821). In Sachsen und im Stadtstaat Hamburg wurde bis in die 1870er Jahre kein Impfgesetz erlassen. Ebenso war es in Preußen, doch gab es hier eine stattliche Anzahl indirekter Druck- und Zwangsmaßnahmen, und in der Praxis unterer Verwaltungsebenen wurde oft direkter Zwang ausgeübt.

Daß die Rechtslage so unterschiedlich war, lag daran, daß die vielen gesetzgebenden Gewalten eine zentrale Frage jeweils unterschiedlich beantworteten, auf die es bis heute keine objektiv richtige Antwort gibt. Welches Gut ist höher einzuschätzen: die angenommene, relative medizinische Schutzwirkung dieser Maßnahme für die gesamte Gesellschaft oder die individuelle Freiheit des einzelnen, zu entscheiden, ob man diesen Schutz für sich oder seine Kinder als medizinisch sinnvoll bzw. ethisch-moralisch legitim erachtet.

Die Gesetzgeber hielten häufig den Schutz der individuellen Freiheitsrechte (oder auch nur ihre eigene Bequemlichkeit) solange aufrecht, bis sie angesichts einer neuerlich ausgebrochenen Pockenepidemie dem Druck derer, die einen Zwang forderten, letztlich nachgaben. So war es in Württemberg, das in den Jahren vor dem Impfgesetz von 1818 eine Epidemie erlebt hatte, und so war es im gesamten Deutschland, als der allgemeine Impfzwang auch als Folge der gewaltigen Epidemie im Zuge des deutsch-französischen Krieges 1870/71 erlassen wurde.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Zeit der Ernüchterung

Daß sich manche Regierungen schwer taten, harte Impfzwangsgesetze zu erlassen, lag unter anderem auch an der mit den Jahren nach der Anfangseuphorie sich breit machenden Ernüchterung und Verunsicherung, was die Wirksamkeit und die Sicherheit der Maßnahme anging. Bei der Einführung der Vakzination waren die Ärzte zum größten Teil davon ausgegangen, daß eine regelrecht durchgeführte Impfung alle Vorteile der Variolation teile und ein Leben lang sicher vor einer Pockenerkrankung schütze, die Nachteile, ein größeres Gesundheitsrisiko, aber nicht besitze. Beides stimmte so nicht.

Groß war die Verwirrung, als runde zwanzig Jahre nach der Einführung der Impfung plötzlich wieder mehr und mehr Personen an den Pocken erkrankten, wenngleich auch bei weitem nicht mehr so viele und nicht mehr in der früher gekannten Gefährlichkeit. Überdies waren auch unter den Erkrankten zunehmend mehr Personen, die in früheren Jahren bereits geimpft worden waren. Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Wiederimpfung und deren wirkliche Durchführung nach etwa zehn Jahren setzte sich langsamer durch, als es aus der heutigen Sicht notwendig gewesen wäre. Das Militär war die erste Bevölkerungsgruppe, die komplett wiedergeimpft („revakziniert") wurde. Es brauchte bis zum Erlaß des Reichsimpfgesetzes im Jahre 1874, bis alle nachwachsenden Jahrgänge diese Prozedur durchliefen und damit für den Rest ihres Lebens einen verhältnismäßig sicheren Schutz vor den Pocken hatten.

Hinzu kam der lange Zeit ziemlich leichtfertige Umgang der Impfärzte mit der Gefahr, daß dem Impfling beim Überimpfen der Vakzine vom Abimpfling eine Krankheit übertragen wurde. Daß es überhaupt Krankheiten gab, die auf diese Weise übertragbar waren, war in der Medizin kaum umstritten. Welche es waren, war vor allem um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch keineswegs exakt zu bestimmen. Im Zentrum der entsprechenden Diskussionen stand vor allem die Syphilis, aber auch die Rachitis und die Skrophulose. Die Gefahr, die von einem infizierten Impfstoff ausging, war vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine der zentralen Besorgnisse von Eltern, die der Impfung skeptisch gegenüberstanden. Das Problem konnte erst gelöst werden, als in den 1880er Jahren Impfstoff in großen Mengen auf Kühen „gezüchtet" wurde und die Passage über den Menschen damit hinfällig wurde.

Quelle: Auszüge aus dem Ausstellungsband „Das große Sterben – Seuchen machen Geschichte"

© 1995 Deutsches Hygiene-Museum Dresden

zurück zum Seitenanfang
zurück zur Übersicht Pocken
zurück zur Übersicht der Seuchengeschichte
zurück zu Infektionen A - Z

weiter zur Impfberatung