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Alkohol im Betrieb |

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Menschen mit Alkoholproblemen sind überall in der Arbeitswelt und auf allen Hierarchieebenen zu finden. Schon lange stimmt die These nicht mehr, daß Alkoholkranke erst "absacken" und richtig in der Gosse gelandet sein müssen, um endlich zu "erwachen" und sich ihren Alkoholproblemen zu stellen. Unternehmen wissen heutzutage, daß sie, wenn sie frühzeitig intervenieren und Hilfe anbieten, Betroffenen eine realistische Chance für den Verbleib bzw. den Wiedereinstieg in ihre berufliche und soziale Umwelt ermöglichen. Leider gibt es aber auch eine Vielzahl von Unternehmen, die auf die Abhängigkeitsproblematik in ihrem Hause noch keine Antwort gefunden haben und in der Regel auf die nachfolgend beschriebene Art und Weise reagieren. Diese Unternehmen möchten wir ermutigen umzudenken, zum Vorteil aller Beteiligten. In den meisten Betrieben wird nach zwei Extremen vorgegangen: Das erste Extrem: * Der leichteren Lesbarkeit wegen wurde der Leitfaden in der maskulinen Form abgefaßt. Dies bedeutet weder eine Verniedlichung noch Verharmlosung der Abhängigkeitsproblematik bei Frauen. Das zweite Extrem: Kollegen, die direkt mit ihnen zusammenarbeiten, leiden vielleicht an ihren immer häufiger werdenden Unzuverlässigkeiten und an ihrer Launenhaftigkeit, trauen sich aber selten etwas zu sagen, weil sie gute Kollegen und lange gediente Mitarbeiter der Firma sind. Es besteht ein ungeschriebenes Gesetz, das diesen Mitarbeitern eine Art "Narrenfreiheit" garantiert. Ab und zu kommt es vielleicht zu einer Konfrontation mit dem Vorgesetzten, Versprechungen werden gemacht, Alkoholabstinenz gelobt, Pünktlichkeit und verbesserte Arbeitsqualität versprochen. Doch nach wenigen Monaten oder sogar Wochen ist alles wieder beim alten. Der Vorgesetzte sowie die Mitarbeiter reagieren hilflos und achselzuckend. Der Betroffene bleibt jahrelang weiter Mitarbeiter dieses Betriebes verstrickt im Teufelskreis der Sucht - eine Veränderung zum Positiven tritt nicht ein, statt dessen der körperliche und soziale Verfall des Alkoholkranken. Er wird vielleicht vorzeitig pensioniert oder nach einem groben Fall von Pflichtverletzung entlassen. Eine mögliche Alternative zu diesen beiden Extremen kann durch den Vorgesetzten eingeleitet werden, der den Betroffenen nicht über Jahre hinweg in die Abhängigkeit "begleitet, sondern seine Führungsfunktion wahrnimmt. Unterstützt durch eine vernünftige Betriebspolitik des Betriebsrates und des Managements bleiben diese Situationen kein Tabuthema, von dem alle wissen, aber keiner redet. Die Entwicklung einer -Betriebs bzw. Dienstvereinbarung, welche die personellen und betrieblichen Verhältnisse berücksichtigt, kann eine gute Grundlage für die zukünftige Zusammenarbeit aller relevanten Kräfte eines Betriebes darstellen. Die Notwendigkeit innerbetrieblicher Hilfsmaßnahmen
Abhängigkeitserkrankungen und Gesellschaft Die Zahl der alkoholkranken Menschen in einem Betrieb muß man in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext sehen, um die Dimensionen, um die es hier geht, zu verstehen. Man kann davon ausgehen, daß der Gesamtverbrauch von Alkohol in der Bundesrepublik sich auch im Konsumverhalten innerhalb eines Betriebes niederschlägt. Dabei lehren uns die Statistiken, daß der Alkoholverbrauch in unserem Lande von 1950 bis 1976 massiv angestiegen ist und sich seither auf einem hohen Niveau eingependelt hat. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit einem pro Kopf Konsum von 12,14l (1991) reinen Alkohols einen internationalen Spitzenplatz. "Umgerechnet auf die Bevölkerungsgruppe der 15- bis 70-iährigen bedeutet das, daß der Pro-Kopf-Verbrauch bereits bei 14,73l/Jahr liegt" (DHS Jahrbuch Sucht,1996). Eine andere Untersuchung (Junge 1995) hat den Alkoholkonsum des Jahres 1991 (12,14 l reiner Alkohol) für die tatsächlichen Alkoholkonsumenten im Alter von 25 bis 69 Jahren berechnet und kommt somit auf etwa 55g für Männer und 40 g für Frauen pro Tag. Hiermit sind die Grenzwerte für einen wenig gesundheitsriskanten Alkoholkonsum: von 20 9 bei Frauen und 40 g bei Männern bei weitem überschritten. Nach Schätzungen der DHS beträgt der Anteil alkoholkranker Menschen an der Gesamtbevölkerung ca. 2-3% Dies bedeutet, daß 2.500.000 Menschen in Deutschland behandlungsbedürftig alkoholkrank sind. Bezogen auf den betrieblichen Bereich ist diese Quote deutlich höher: Ca. 10 % aller Werktätigen müssen als alkoholkrank bezeichnet werden. Daß diese Angaben evtl. nach oben revidiert werden müssen, zeigt ein Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland (Herbst et al ,99): Diese Erhebung weist auf ein Mißbrauchsverhalten in der Bevölkerung hin, welches höher ist, als bisher angenommen wurde. So haben 3% der Befragten zwischen ,8 und 59 Jahren oder hochgerechnet 6,5 Millionen Personen aus der Bevölkerung einen schädlichen Gebrauch von alkoholischen Getränken. Diese Werte werden sowohl durch die Angaben über kritische Grammwerte (siehe oben) als auch über die erfragten negativen Konsequenzen des Alkoholkonsums bestätigt. Hinzu kommt, daß man hochgerechnet mit 7, Millionen starken Rauchern mit einem gesundheitsschädlichen Konsum von 20 und mehr Zigaretten pro Tag rechnen muß. Da sich ein großer Teil dieser beiden Personengruppen überschneidet, muß man davon ausgehen, daß sich das Gesundheitsrisiko durch Mehrfachmißbrauch erheblich steigert. Eine Studie ("Dringliche Gesundheitsprobleme der Bevölkerung" Jahrbuch Sucht 1992 der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren) berichtet, daß die "...Übersterblichkeit alkoholkranker Menschen auf das Dreifache der Gesamtbevölkerung geschätzt wird." Alkoholabhängige sterben etwa
als die Normalbevölkerung. Insgesamt werden jährlich etwa 40.000 Todesfälle auf Alkoholismus zurückgeführt. Ca. die Hälfte aller Verkehrsopfer sind das Ergebnis alkoholbedingter Verkehrsunfälle. 1/5 aller Verkehrstoten :sind dem Alkohol zuzuschreiben. Die Scheidungsrate ist etwa doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Jährlich werden ca. 1.800 Kinder geboren, die durch Alkoholkonsum der Mutter geschädigt sind. Diese Zahlen führen vor Augen, daß Alkoholismus nicht nur ein Problem des einzelnen, des Betroffenen und seiner Familie ist. Der Umfang dieser Krankheit produziert erhebliche soziale Kosten welche sind (Grüner und Turek 1981):
"Die alkoholbedingten Probleme erfordern sofortiges, generelles und umfassendes Handeln. Es gibt schon lange keine Balance mehr zwischen den gesellschaftlichen und individuellen "Erträgen" und "Verlusten." (R. Hüllinghorst im DHS Jahrbuch Sucht 1996)
Folgen für Mitarbeiter und Betrieb Alkoholismus wird heute zunehmend auch in der Arbeitswelt als wirtschaftliches und humanes Problem wahrgenommen. Während 1979 erst rund 20 Betriebe in der BRD über eigene Präventions- und Hilfeprogramme verfugten, sind es heute rund 700 Unternehmen, die ein innerbetriebliches Hilfsprogramm auflegen. nachfolgend werden einige Grunde hierfür genannt:
Betriebliche Kosten des Alkoholmißbrauches Durch Alkoholmißbrauch bedingte Kosten setzen sich aus einer Vielzahl von Faktoren zusammen und sind nur zum Teil direkt erfaßbar. Solche Faktoren sind z.B.: schlechte Arbeitsqualität Statistisch ist die Annahme gestützt, daß ein Mitarbeiter mit Alkoholproblemen etwa 25 % seiner Arbeitsleistung nicht erbringen kann. Die Kosten, die für den Betrieb dadurch erstehen, hat man mit 1,25 % der gesamten Lohn- und Gehaltssumme eines Unternehmens errechnet. Maschinenbedienungsfehler Alkoholkranke sind ca. 3,5 mal häufiger in Betriebsunfälle verwickelt als gesunde Mitarbeiter. Fernbleiben vom Arbeitsplatz
Hinzu kommen noch:
Eine Untersuchung eines werksärztlichen Dienstes hat herausgefunden, daß 100 alkoholgefährdete bzw. abhängige Mitarbeiter in 5 Jahren über 3 Millionen DM Kosten verursachen. Nach Schätzung des Bundesverbandes der deutschen Arbeitgeberverbände beläuft sich der wirtschaftliche Schaden pro 1000 Beschäftigte auf 150.000 bis 180.000 DM pro Jahr. G. Bühringer und R. Simon (in Psycho 18; 3/1992) berechneten auf der Grundlage von sehr sorgfältigen ökonomischen Analysen der mißbrauchsbezogenen Kosten aus den USA und der Schweiz einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von 50 bis 80 Milliarden Mark pro Jahr in der BRD! Die gesetzlichen Rentenversicherungen, zuständig für die Rehabilitation von Abhängigkeitserkrankten, haben allein im Jahre 1985 für Langzeitentwöhnungsbehandlungen den Betrag von 471 Millionen DM ausgegeben.
Hintergründe und Ursachen von Suchtverhalten Es ist sehr schwer, Aussagen darüber zu machen, warum jemand süchtig wird oder nicht, aber auch wann jemand abhängig ist oder nicht. Es gibt viele Definitionen von Sucht, wie z.B. die sehr pragmatische der "Anonymen Alkoholiker" "Wenn der Alkohol zum Problem wird, so ist der Alkohol das Problem Doch ähnlich wie beim Herzinfarkt wo bekanntlich verschiedene Risikofaktoren wie schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Streß etc. zusammenkommen und das eigentliche Krankheitsbild aus lösen so gibt es auch bei Suchterkrankungen ein Netz von Faktoren, die zu der Entstehung einer Abhängigkeit beitragen, Alkohol - die Droge an sich - spielt eine nachgeordnete Rolle. Zu diesen Faktoren zahlt die Wissenschaft heute zum einen innerpsychische Prozesse im Zusammenhang mit Erfahrungen der frühen Kindheit und Lernprozessen in der Herkunftsfamilie, zum anderen die konkreten sozialen Lebensbedingungen und zum dritten eine gewisse - allerdings noch nicht geklärte - organische Disposition. Auch wenn das Suchtverhalten erst in einer späteren Lebensphase auftritt, so hängt es doch mit der gesamten Lebensgeschichte des Menschen zusammen und wird unter Umständen durch eine aktuelle Situation ausgelöst. Die Lebens- und Entwicklungsbedingungen heutiger Jugendlicher, d. h. auch der Lehrlinge im Betrieb sind in den letzten Jahrzehnten schwieriger geworden und zeichnen sich nach jüngsten Ergebnissen der Sozialisationsforschung aus durch:
Hinzu kommen eindeutig noch familiäre Risikofaktoren. So wurde festgestellt, daß Kinder von Eltern, die selbst exzessiv Alkohol konsumieren einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, selbst verstärkt zu trinken. Eindeutig erwiesen ist auch der Zusammenhang zwischen dem Alkoholkonsum der sozialen Bezugsgruppe der unmittelbaren Umgebung (Betrieb, Freizeit, Verein) und dem des Betroffenen. Sucht als eine Form der "Lebensbewältigung" Sucht muß auf diesem multifaktoriellen Hintergrund als ein Versuch des Menschen verstanden werden, sich mittels der Wirkung des Alkohols an seine Lebensbedingungen anzupassen, eine seelische Balance zu finden und ein subjektiv empfundenes Gleichgewicht zwischen sich und seiner sozialen Umwelt herzustellen. Leidet ein Mensch längere Zeit unter hohen inneren Spannungen und Belastungen von außen und stehen ihm keine oder zu wenig erlernte Verhaltensmöglichkeiten zur Spannungsreduktion und Konfliktlösung zur Verfügung, so greift er auf einen einmal als hilfreich empfundenen "Spannungslöser" zurück. Suchtmittel, aber auch bestimmte Verhaltensweisen wie z.B. Spielen oder Essen, übernehmen hier diese Funktion. Je weniger Möglichkeiten und Fähigkeiten ein Mensch hat, mit seinen seelischen und sozialen Belastungen fertig zu werden, und je größer seine Schuldgefühle werden, um so mehr engt sich sein Verhalten auf den Drang, Suchtmittel zu konsumieren ein. Aus Mißbrauch wird Sucht. Gesellschaftliche Faktoren wie der gesellschaftliche Status von Alkohol und Tabak, der Umgang und die Bedeutung dieser Stoffe in der Herkunftsfamilie und kulturelle Konsumsitten eines Landes oder einer Region können diese Entwicklung begünstigen.
Merkmale von Alkoholgefährdung und -abhängigkeit im Betrieb Die im folgenden aufgeführten Früherkennungssymptome sollen kein Diagnoseschlüssel für den Vorgesetzten sein. Sie sollen ihn nur dafür sensibilisieren, den Betroffenen in der Zukunft genauer zu beobachten, Auffälligkeiten in einen Zusammenhang zu stellen sowie diese Beobachtungen mit einer neutralen Instanz (Betrieblicher Sozialdienst, Arbeitsgruppe "Alkohol am Arbeitsplatz" etc.) zu besprechen, um dann die notwendigen Schritte einzuleiten. Weiterhin sollte beachtet werden, daß oft nur eine Kombination mehrerer Merkmale Rückschlüsse auf eine Gefährdung zulassen.
Trinken während der Arbeit Alkohol in der Mittagspause Zittern und Schweißausbrüche Schnelles Trinken Trunkenheit am Arbeitsplatz Vermehrte Anwendung von "Atemreiniger"
Betriebs- und umweltspezifische Merkmale Häufiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz Kurzfristiges Entfernen vom Arbeitsplatz Verlust von Werkzeugen und Material Übergroße Nervosität Verlängerte Pausen Niedrige Arbeitsqualität und -quantität Meidung von Vorgesetzten Familienprobleme
Niedergeschlagenheit am Arbeitsplatz Finanzielle Probleme Lautes unkontrolliertes Reden Verkrampfte Arbeitsweise Argwohn Verneinung und Bagatellisierung
Co-Abhängigkeit als suchtstabilisierender Faktor Da eine Alkoholabhängigkeit in einem über Jahre laufenden Prozeß entsteht, entwickelt sich häufig bis zur massiven Auffälligkeit eine - für beide Seiten - problematische Verknüpfung zwischen dem Betroffenen und den Kollegen, aber auch dem Vorgesetzten. Sie ist gekennzeichnet durch ein entschuldigendes, entlastendes und vertuschendes Verhalten der Kollegen und Vorgesetzten. Diese "Verbundenheit" wird in der Fachsprache "Co-Abhängigkeit" genannt. Dadurch ist man als Vorgesetzter aber auch als Mitarbeiter auf eine unheilvolle und destruktive Weise mit dem Betroffenen verknüpft. Wer ist ein Co-Abhängiger, und was bedeutet dies für den Betrieb? Co-abhängig ist die Person, die den Abhängigen durch ihr Verhalten davor schützt, die volle Wirkung seines Alkoholkonsums und die damit verbundenen Konsequenzen im vollen Umfang zu erfahren. Als Co-Abhängige sind alle Personen zu rechnen (Partner, Kollegen, Personalchef, Hausarzt etc.), die dem Betroffenen einen großen Teil seiner Eigenverantwortlichkeit abnehmen und durch ihr Verhalten zur Selbsttäuschung des Alkoholikers beitragen, so daß sein Trinkverhalten für ihn kein Problem mehr darstellt, sondern zum Problem des Helfenden wird. Dieser rutscht in eine Co-Abhängigkeit. Dieses Verhalten ist deshalb suchtfördernd, weil der Betroffene sich nicht ernst genommen fühlt, sich in ein trotziges ,Kinder - Ich - Verhalten" steigert und anderen die Schuld für sein Verhalten zuschreibt. Dies bietet ihm wieder Rechtfertigung und Entschuldigung, weiterhin zu trinken. Da der Alkoholkranke von sich aus gesehen nie selbst an seinem Zustand schuld ist und der Co-Abhängige ihm oft die Verantwortung für sein Handeln abnimmt, koppelt der Abhängige sein Suchtverhalten an das Verhalten seiner Bezugspersonen; zieht diese also mit hinein in den Teufelskreis seine Abhängigkeit. Die unmittelbaren Bezugspersonen laufen Gefahr, dadurch abhängig vom Abhängigen zu werden.
Die Phasen der Co-Abhängigkeit Aus dem Bereich der Familientherapie kommt die Aufteilung des Co-Alkoholismus in drei Phasen, die sich auch als Beschreibung für das Verhalten im Betrieb anwenden läßt:
Die Beschützer- oder Erklärungsphase
Eine notwendige Konfrontation wird dadurch vermieden und einem Harmoniebedürfnis geopfert. Das Ergebnis ist die Aufrechterhaltung des Status quo, ein Einschreiten, das den Betroffenen zwingt, sein Verhalten zu verändern, findet nicht statt. Häufig spielen auch externe Bezugspersonen, wie Ehepartner, Hausärzte, Pfarrer, Sozialarbeiter, nach Feierabend ebenfalls die Beschützerrolle: und tragen somit dazu bei, den Ist-Zustand aufrechtzuerhalten. Nach einer Weile - wenn das Verhalten des Abhängigen nicht mehr zu übersehen und zu ertragen ist kommt es in der Regel zu einem Gespräch mit dem Vorgesetzten, bei dem der Betroffene schnell Besserung verspricht. Diese Besserungsversprechen geben dem Vorgesetzten zunächst Hoffnung, die sich allerdings bald wieder in ernste Zweifel verwandeln, da er in der Regel einen Alkoholrückfall feststellen muß. Häufig fühlt sich der Vorgesetzte jetzt für den Alkoholiker verantwortlich, hat er sich doch bisher auf die ganze Situation eingelassen. Er glaubt vielleicht mit der Zeit halb resignierend - daß tatsächlich alles halb so schlimm ist. Nach wiederholten Rückfallen und unangenehmen Zwischenfällen kreiden sich viele Vorgesetzte die negative Entwicklung als persönliche Führungsschwäche an. Sie haben das Gefühl, versagt zu haben und greifen nunmehr zu vermeintlich objektivierbareren, d.h. kontrollierbaren Maßnahmen. Dies führt uns zur nächsten Phase:
Der Vorgesetzte sowie seine Mitarbeiter verbringen einen großen Zeit- und Energieanteil darauf, den Abhängigen "trocken" zu halten, wobei der Vorgesetzte hierbei oft eine große eigene Mitverantwortung dafür übernimmt. Der Betroffene jedoch reagiert meist auf den erhöhten :Druck seiner Umwelt mit einem vermehrten Alkoholkonsum, was wiederum mehr Kontrolle nach sich zieht...... Auch hier werden Rückfalle oft als persönliche Niederlage des Vorgesetzten empfunden. Deshalb ist das vermehrte Engagement von diesem auch sehr verständlich. Doch irgendwann kommt das Faß zum Überlaufen. Das oft jahrelange Auf und Ab von Hoffnungen, Enttäuschungen, Frustrationen und Selbstzweifel entlädt sich urplötzlich und mündet in die Anklagephase.
Um den Verlust seines Arbeitsplatzes bangend, verspricht der Alkoholiker wiederum Besserung und bleibt vielleicht auch für einige Zeit abstinent. Für wie lange? Vielleicht für zwei Monate, ein halbes Jahr oder noch länger. Aber oft - weil wirkliche professionelle Hilfe nicht in Anspruch genommen wurde - fängt er wieder an zu trinken, am Anfang kaum merklich, vielleicht ein geduldetes erstes Gläschen beim Betriebsfest. Dies wird toleriert, da jeder gerne glauben will, daß der Betroffene seinen Konsum unter Kontrolle hat. So fängt die erste Phase des Co-Alkoholismus wieder an, der Teufelskreis der Sucht kann wieder beginnen. Denn gleich wie sich der Co-Abhängige auch verhalt - ob er schützt, erklärt, kontrolliert oder anklagt - er liefert dem Alkoholiker die besten Gründe dafür, nicht mit dem Trinken aufzuhören. Eine Möglichkeit, einen Weg aus diesem Teufelskreis der gegenseitigen Abhängigkeiten zu finden, ist die Entwicklung eines betrieblichen Hilfeprogrammes. Dieses bietet den Arbeitskollegen und dem Vorgesetzten eine wichtige Unterstützung und Hilfe in Form von klar formulierten Handlungsanleitungen. Betriebliche Hilfeprogramme stehen und fallen mit der konsequenten Wahrnehmung der Führungsqualitäten und Fürsorgepflicht des Managements und der Akzeptanz im Betriebsrat und in der Belegschaft.
Die Grundlagen eines betrieblichen Hilfeprogrammes Auf Grund der gemachten Erfahrung ist es sinnvoll, zur Lösung der anstehenden Probleme einen innerbetrieblichen Arbeitskreis zu gründen. Dieser sollte zusammengesetzt sein aus den Mitarbeitern der Personalabteilung, des Betriebsrates, der Sozialabteilung und aus Mitarbeitern des betriebsärztlichen Dienstes. Zielvorgabe und Aufgabe dieses Arbeitskreises ist es, neben "dem Sammeln von Informationen über Abhängigkeitserkrankungen Vorschläge zu unterbreiten, wie der Betrieb mit dem Phänomen von Alkoholismus in der Zukunft umzugehen gedenkt. Dazu ist es erforderlich, anhand des nachstehenden Analyseschemas als ersten Schritt eine Ist- und Sollanalyse des Betriebes vorzunehmen. Folgende Fragestellungen sollen Sie als Führungskraft - am vorteilhaftesten im Rahmen einer betriebsinternen Arbeitsgruppe - klaren:
Die Herangehensweise des Betriebes bzw. der zu gründenden Arbeitsgruppe sollte von folgenden Grundsätzen geleitet sein:
Verhaltensregeln für den Vorgesetzten Folgende Verhaltensregeln sollten im Umgang mit einem betroffenen Mitarbeiter beachtet werden: 1. Der Vorgesetzte ist kein Therapeut 2. Keine Hexenjagd auf gefährdete und abhängige
Mitarbeiter 3. Früherkennung als Chance zum Neubeginn 4. Zusätzliche Handlungshilfen annehmen 5. Leistungsprofil transparent gestalten 6. Interventionen Dieses Gespräch wird von dem Betroffenen leichter akzeptiert, wenn der Vorgesetzte seinem Gegenüber signalisiert, daß er ihn als Mensch und als Mitarbeiter schätzt, jedoch bestimmte Verhaltensweisen nicht toleriert. Der Vorgesetzte sollte deshalb bei einem geplanten Erstgespräch nachfolgende Aspekte berücksichtigen: 1. Schriftlich vorbereiten
2. Nur betriebliche Aspekte einbringen
3. Tatsachen und keine Gerüchte thematisieren
4. Klare Vereinbarungen treffen
5. Ein Folgegespräch terminieren
Die Betriebs- bzw. Dienstvereinbarung
Was ist eine Betriebs- bzw. eine Dienstvereinbarung Aus diesen Abmachungen sollte ganz klar ersichtlich sein, welche konkreten Schritte gegebenenfalls unternommen und welche disziplinarischen Maßnahmen ausgesprochen werden. Warum eine Betriebs-/Dienstvereinbarung?
Ziele einer Betriebs- bzw. Dienstvereinbarung Die Ziele einer Betriebs-/Dienstvereinbarung kann man folgendermaßen zusammenfassen: 1. Präventive Aspekte:
2.Therapeutische Aspekte:
3. Reintegrative Aspekte:
Inhalte einer Betriebs-/ Dienstvereinbarung Die Betriebs-/Dienstvereinbarung sollte folgende Bereiche mit einbeziehen: 1. Gegenstand, Geltungsbereich und Ziele der Betriebs-/ Dienstvereinbarung 2. Maßnahmen der Prävention:
3. Maßnahmen der Hilfe:
Oberstes Ziel eines Stufenplan ist es, den Betroffenen einer ambulanten oder stationären Therapie zuzuführen. Bei einer negativen Entwicklung, d. h. wenn der Betroffene nach mehreren Interventionen keine Verhaltensänderungen zeigt, kann es in letzter Konsequenz zur Kündigung kommen. Ein betriebsinterner Arbeitskreis unterstützt die Bemühungen der Vorgesetzten und ist bei der Wiedereingliederung der Betroffenen in den Betrieb behilflich. Die Wiedereingliederung selbst sollte den individuellen Bedürfnissen nach persönlicher Integrität und Anonymität der Betroffenen angepaßt sein und nicht den Eindruck einer Kontrolle des Therapieerfolges vermitteln. Folgende Grafik soll einen in der Dienst./Betriebsvereinbarung verankerten Stufenplan beispielhaft verdeutlichen
Die Effizienz von Betriebs-/Dienstvereinbarungen
Das Psychosoziale Hilfsnetz für Abhängigkeitskranke Die Beratungsstelle ist Dreh- und Angelpunkt aller therapeutischen Maßnahmen. Fachkundige Sozialpädagogen und Psychologen erarbeiten in Zusammenarbeit mit Ärzten ein individuelles Beratungs- und Behandlungsprogramm für den Abhängigen und seine Angehörigen. Oder vermitteln - falls erforderlich - Abhängigen für eine stationäre Therapie in ein Fachkrankenhaus.
Das Angebot einer Psychosozialen Beratungsstelle (PsB) Die Grundprinzipien der Arbeit der PsB sind:
Die Aufgaben einer psychosozialen Beratungsstelle sind:
Ziele der therapeutischen (ambulanten/stationären) Behandlung Die Ziele der psychosozialen Behandlung sind:
Eine wesentliche Aufgabe einer Beratungsstelle ist die Motivation ihrer Klienten. Dies geschieht in offenen Motivationsgruppen in denen ehemalige Betroffene mitarbeiten, aber auch in Einzel- oder Familiengesprächen. Ist der Klient bereit, eine ambulante oder stationäre Behandlung zu beginnen, wird eine ausführliche Diagnose über seine Abhängigkeitsproblematik unter Berücksichtigung von fremdanamnestischer Daten erstellt und ein individueller Behandlungsplan erarbeitet. In dieser Phase werden folgende Bereiche abgedeckt: Information/Aufklärung in Einzel- bzw. Gruppengesprächen, medizinische und psychosoziale Diagnostik, Abstinenzentscheidung, Vermittlung zur und Begleitung während der - Entzugsbehandlung in Kliniken, Vorbereitung und Entscheidung über die weitere Betreuung. (Beratung, Vermittlung an andere Dienste und Selbsthilfegruppen, Überleitung an eine ambulante bzw. stationäre Behandlung).
Voraussetzungen für die ambulante Behandlung sind:
Beratungs- und Behandlungsangebot Die ambulante Behandlung besteht aus einer Kombination von Einzel-, Partner-, Familien-, Angehörigen- und Gruppensitzungen sowie Kontakte zu weiteren Bezugspersonen des sozialen Netzwerkes des Klienten. Der Behandlungsplan der ambulanten psychosozialen Behandlung bezieht sich auf den Klienten selber sowie auf das soziale System, in dem er lebt. Der Behandlungsplan wird während der Betreuung den jeweiligen Veränderungen laufend angepaßt. Die Behandlungsplanung ist also ein dynamischer Prozeß und zeichnet sich durch Flexibilität und Individualisierung aus. Je nach individueller Indikation (psychosoziale Diagnostik) und je nach den Möglichkeiten der jeweiligen PsB, kann sich die ambulante Behandlung aus unterschiedlichen Komponenten oder Bausteinen zusammensetzen und von unterschiedlicher Zeitdauer sein. Unterbrechungen oder längere Abstände zwischen den einzelnen Maßnahmen oder Bausteinen sind je nach Einzelfall möglich. Der Behandlungsplan der ambulanten Behandlung wird in Form eines Behandlungsvertrages schriftlich festgelegt.
Interventionen bei Rückfallgefahrdung bzw. bei manifesten Rückfällen sowie die Stabilisierung und Sicherung der erworbenen Fähigkeiten mit Hilfe von Einzel- und Gruppengesprächen unter besonderer Berücksichtigung des weiteren sozialen Umfeldes (Freundeskreis, Arbeitsplatz) und unter Zuhilfenahme von Selbsthilfegruppen, gehören zu den Aufgabenbereichen einer Weiterbehandlung nach einer ambulanten oder stationären Therapie. Die Übergänge zwischen den Phasen sind fließend. Motivationsarbeit ist während der Behandlungs- und Nachsorgephase ebenso notwendig wie therapeutische Maßnahmen bereits wahrend der Motivationsphase. Motivations-, Behandlungs- und Weiterbehandlungsphasen gehören zu einem Gesamtkonzept der Behandlung und lassen sich nicht voneinander trennen.
Die Vorteile der ambulanten psychosozialen Behandlung Die Vorteile einer ambulanten Behandlung liegen auf der Hand:
Stationäre Behandlung Je nach Schweregrad der Abhängigkeitserkrankung kann eine Einweisung in ein Fachkrankenhaus erforderlich sein. Die Aufenthaltsdauer für diese stationäre Behandlung beträgt in der Regel zwischen 4 bis 6 Monaten. Viele Fachkrankenhäuser betrachten den stationären Abschnitt als einen wesentlichen Baustein eines gesamten Rehabilitationsprozesses: Vorarbeit und Motivation in der psychosozialen Beratungsstelle, stationärer Aufenthalt im Fachkrankenhaus und daran anschließend die ambulante Weiterbehandlung durch die psychosoziale Beratungsstelle sowie die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe als Sicherung des Behandlungserfolges.
"Es ist keine Schande alkoholkrank zu sein, es ist eine
Schande, nicht mit dem Trinken aufzuhören" 1. "Es ist keine Schande, alkoholkrank zu sein
....." 2. "..... es ist eine Schande, nichts gegen den
Alkoholismus zu tun."
H.R. Claussen/P. Czepski: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (Hrsg.): K. Dietze: M. Soyka: E. Dittman/A. Möser: R. Fuchs/M. Resch: E. Knischewski: H. Lenfers: Rußland, Rita: W. Strähler: Droge Alkohol" - Helfen statt
verheimlichen K. Wilke/H. Ziegler: H. Ziegler: |
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