Pentachlorphenol und Lindan im Innenraum

Quelle: UMB und BAGS/G5 Hamburg

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1 Einleitung 
  1.1 Grundlagen
    1.1.1 PCP
    1.1.2 Lindan
  1.2 Fragestellung
2 Expositions- und medizinische Untersuchungen
  2.1 Anamnese / klinische Untersuchung
  2.2 Expositionsanamnese
  2.3 Interne Belastung
3 Gesundheitliche Bewertung
  3.1 Bewertung der internen Belastung
  3.2 Bewertung der Anamnese / klinischen Untersuchung


1 Einleitung 

Holzschutzmittel lassen sich vereinfacht unterteilen in sog. ältere und neuere Holzschutzmittel. Zu den älteren zählen das Pentachlorphenol, das Lindan sowie niederchlorierte Naphthaline, zu den neueren, etwa seit Beginn der achtziger Jahre vermehrt bzw. ausschließlich eingesetzten Mitteln das Chlorthalonil, Dichlofluanid und das Permethrin aus der Gruppe der Pyrethroide. In dieser Checkliste werden Pentachlorphenol und Lindan behandelt; die chlorierten Naphthaline stellen sowohl hinsichtlich ihrer Geruchsproblematik als auch der geringen Häufigkeit des Vorkommens in Innenräumen einen Sonderfall dar.

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1.1 Grundlagen
1.1.1 PCP

Pentachlorphenol (PCP) wurde seit den dreißiger bis in die achtziger Jahre als fungizider Zusatz in Holzschutzmitteln zur Behandlung tragender Gebäudeteile, in Farben und Lacken, Textilien und Leder und bei der Papierherstellung eingesetzt. Eine Exposition gegenüber PCP in Innenräumen erfolgt inhalativ durch Ausgasung aus behandelten Holzteilen, durch Hautkontakt mit sekundär kontaminierten Einrichtungsgegenständen, Kleidung, Hausstaub und durch Verzehr verunreinigter Lebensmittel. Lebensmittel stellen aufgrund der ubiquitären Verbreitung des PCP den wesentlichen Aufnahmepfad für PCP dar. Es ist jedoch nicht bekannt, welche Lebensmittel in besonderem Maße zu dieser Belastung beitragen. Eine (vor allem initial) hohe Belastung ist bei Personen anzunehmen, die selbst PCP-haltige Holzschutzmittel verstrichen haben, insbesondere bei unzureichender Lüftung während dieser Tätigkeit. Erhöhte Konzentrationen von PCP in Lebensmitteln nach Anwendung in Innenräumen werden vermutet.

PCP stellt eine schwache Säure, etwa vergleichbar der Essigsäure, dar und ist bei physiologischen pH praktisch vollständig in das Phenolat dissoziiert. Angesichts der relativ geringen Lipophilie ist eine Anreicherung und folglich eine Zunahme der PCP-Belastung mit dem Alter nicht zu erwarten. Dies zeigt sich auch in den gemessenen geringen PCP Konzentrationen in Muttermilchproben.

Inhalativ, dermal oder oral aufgenommenes PCP bindet sich im Blut zu über 90% an Plasmaeiweiße. Nach Glucuronidierung in der Leber wird PCP mit einer HWZ von 1 bis 17 d über den Urin ausgeschieden, das Ausmaß der Exkretion wird dabei durch den tubulär rückresorbierten Anteil sowie den pH-Wert des Urin bestimmt. PCP wird individuell in unterschiedlichem Maße glucuronidiert (20 - 70%) in den Urin ausgeschieden; deshalb muß stets das hydrolysierte Gesamt-PCP im Urin gemessen werden. Zwischen der PCP-Serumkonzentration (in µg/l) und der 24-Stdn.-Urinkonzentration (in µg/g Krea) wird ein relativ konstantes Verhältnis von etwa 2: 1 bis 3: 1 beobachtet.

Des weiteren besteht offenbar eine Korrelation der Konzentrationen von PCP im Urin und Hexachlorbenzol (HCB) im Blut; dies kann damit erklärt werden, daß PCP auch einen Metaboliten des HCB darstellt. HCB wird überwiegend über die Nahrung aufgenommen. Beim Abbau von PCP und HCB wird als gemeinsamer Metabolit das Tetrachlorhydrochinon beobachtet. Dieser wird für die tierexperimentell beobachtbare kanzerogene Wirkung verantwortlich gemacht.

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1.1.2 Lindan

Als Lindan wird das aufgereinigte gamma(g)-Isomer der Hexachlorcyclohexane (HCH) bezeichnet, das als einzige Verbindung dieser Substanzgruppe eine insektizide Wirkung aufweist. Das technische, nicht aufgereinigte Lindan enthält zu erheblichen Teilen auch a- und b-HCH. Lindan wird seit den fünfziger Jahren in der Land- und Forstwirtschaft, im Holzschutz und in der Veterinär- und Humanmedizin (z. B. zur Bekämpfung von Läusen oder Milben) eingesetzt. Die Lipophilie dieser Verbindungen bestimmt ihr Potential zur Anreicherung in den Umweltmedien, das beim b-HCH am stärksten ausgeprägt ist und über das a- und g-Isomer abnimmt. Hauptaufnahmepfad von Lindan stellt der Verzehr von Lebensmitteln dar.

Lindan verteilt sich nach Aufnahme vor allem in Fettgewebe und lipidreiche Organe. Das Konzentrationsverhältnis von Blut zum Fettgewebe beträgt etwa 200 - 250, zum ZNS etwa 3 - 4, darüber hinaus findet eine Anreicherung in der Frauenmilch statt. Lindan wird in der Leber metabolisiert und entweder in konjugierter Form (Glucuronid, Sulfat) oder als Abbauprodukt, vor allem als Tetra- oder Trichlorphenol, ausgeschieden. Bei kurzfristiger hoher Exposition, z. B. nach der Aufbringung therapeutischer Dosen auf der Haut, wird Lindan mit einer Halbwertzeit von etwa zwanzig Stunden aus dem Blut eliminiert; bei chronischer Exposition wird eine Halbwertzeit von 8 - 10 Tagen beobachtet. Hingegen weist das b-HCH eine wesentlich längere Eliminationshalbwertzeit auf.

Tierexperimentell wurde eine krebserzeugende Wirkung nur für das a- und b-HCH, jedoch nicht für das Lindan gefunden.

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1.2 Fragestellung

Zu unterscheiden ist zwischen Patienten, die Gesundheitsstörungen angeben und einen Zusammenhang mit einer Exposition gegenüber Holzschutzmitteln vermuten, und Ratsuchenden ohne Beschwerden, die eine vorhandene Exposition gegenüber PCP bzw. Lindan abklären lassen möchten. Hieraus ergeben sich folgende Fragestellungen:

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2 Expositions- und medizinische Untersuchungen
2.1 Anamnese / klinische Untersuchung

Obwohl PCP und Lindan in zahlreichen Haushalten großflächig eingesetzt wurden und nach Schätzungen etwa 10% der westdeutschen Bevölkerung jahrelang exponiert waren, konnte bis heute von Seiten der Wissenschaft kein einheitliches Krankheitsbild einer chronischen PCP- bzw. Lindan-Vergiftung in diesem Dosisbereich definiert werden. Die Beschwerden sind unspezifisch und heterogen; häufig werden Befindlichkeitsstörungen und neurologische Symptome im Sinne eines chronischen Erschöpfungssyndrom genannt (eine Übersicht gibt z.B. HEINZOW 1992). Hinweise aus der Arbeitsmedizin sind ebenfalls nur begrenzt verwertbar, da sich der Einfluß von Verunreinigungen des PCP, vor allem der Dioxine, nur schwer abtrennen läßt. Vor diesem Hintergrund erscheint es über die Abklärung von Symptomen hinaus derzeit nicht sinnvoll, ein spezifisches Untersuchungsprogramm durchzuführen.

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2.2 Expositionsanamnese

Folgende Parameter sollten in jedem Fall möglichst präzise, ggfls. im Rahmen einer Begehung ermittelt werden:

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2.3 Interne Belastung

Es ist bisher nicht mit Sicherheit bekannt, welche Expositionspfade in welchem Ausmaß zur Belastung mit PCP oder Lindan beitragen. Vor allem der Beitrag der Raumluft zur Exposition ist schwer abzuschätzen, da mit Anreicherungen von PCP und Lindan in Lebensmitteln sowie im Hausstaub zu rechnen ist. Bisherige Untersuchungen konnten keinen klaren Zusammenhang zwischen Raumluft und interner Belastung aufzeigen; einzelne Befunde weisen aber darauf hin, daß Expositionsabschätzungen auf der Basis von Raumluftmessungen zu einer gravierenden Unterschätzung der tatsächlichen Belastung führen können, weil mögliche andere Pfade (Lebensmittel, Textilien, Hausstaub) nicht ermittelt werden. Hieraus leitet sich die Konsequenz ab, bevorzugt die interne Belastung zu ermitteln, die die Gesamtexposition widerspiegelt.

AIs geeignet ist vor allem die Bestimmung des PCP im Blut bzw. Serum anzusehen (wegen der hohen Plasmaeiweißbindung des PCP bestehen zwischen PCP-BIut- und Serumwerten keine wesentlichen Unterschiede). Bei Kleinkindern kann ggfs. auf die Bestimmung des PCP im Urin ausgewichen werden.

Lindan wird ausschließlich im Vollblut untersucht. Urinuntersuchungen sind wegen der größeren Anzahl dabei zu bestimmender Metabolite im umweltmedizinischen Dosisbereich problematisch.

Die hohen Anforderungen an die Genauigkeit und Sicherheit der Bestimmung von PCP und Lindan im Blut können zur Zeit nur von wenig Laboren in Deutschland erfüllt werden. Unverzichtbar ist deshalb der Nachweis der Eignung des untersuchenden Labors, vorzugsweise durch ein Zertifikat, daß es erfolgreich an Ringversuchen (z.B. der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin) teilgenommen hat.

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3 Gesundheitliche Bewertung
3.1 Bewertung der internen Belastung

Aufgrund der Beschränkung der PCP-Verwendung in Innenräumen seit Beginn der achtziger Jahre (Verwendungsverbot 1986, Herstellungsverbot 1989) ist die PCP-Exposition seit Jahren rückläufig; z. B. sank der Median der PCP-Blutkonzentration nicht spezifisch HSM-exponierter Personen von etwa 30 (1987) auf etwa 10 µg/l (1991) und das 95. Percentil von etwa 70 auf unter 20 µg/l. Vor diesem Hintergrund ist ein strikter Bezug auf einen festen Referenzwert nicht sinnvoll. Ferner ist zu beachten, daß bei der Erstellung von Referenzwerten exponierte Personen hinreichend sicher ausgeschlossen werden.

Idealerweise sollte in regelmäßigen (mehrjährigen) Abständen entsprechend den Empfehlungen zur Erstellung von Referenzwerten (z.B. IFCC) aus einem repräsentaiven Kollektiv ein Referenzwert ermittelt werden. Hilfsweise kann aus bisherigen Daten ein Referenzwert extrapoliert werden. Für 1994 wird der Referenzwert (95. Percentil) für nicht spezifisch HSM-exponierte Personen auf 15 µg/l geschätzt.

Die Bewertung von Lindan-Werten im Blut bei Patienten aus Hamburg und Umgebung ist insofern problematisch, da in Hamburg ein Lindan-Produzent ansässig war und damit eine spezifische Expositionssituation vorliegt, so daß regionale Besonderheiten nicht ausgeschlossen werden können. Aufgrund der Halbwertzeit von Lindan z.B. im Boden von etwa 1 Jahr ist jedoch zu vermuten, daß dieser Einfluß nicht mehr sehr ausgeprägt ist. Aufgrund der vorhandenen Daten wird ein Referenzwert von 0,2 µg/l zugrundegelegt.

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3.2 Bewertung der Anamnese / klinischen Untersuchung

Für die Vielzahl der gesundheitlichen Beschwerden, die von Betroffenenseite auf eine Holzschutzmittelexposition zurückgeführt werden, kann bisher nicht wissenschaftlich belegt werden, daß es sich um eine spezifische Wirkung dieser Substanzen handelt. Vielmehr erscheint das Beschwerdebild unspezifisch und kann am ehesten als chronisches Erschöpfungs- und Ermüdungssyndrom beschrieben werden (Heinzow 1992). Demzufolge ist bisher auch kein spezielles diagnostisches Verfahren vorzuschlagen. Vielmehr hat sich die Differentialdiagnostik an der Symptomatik des einzelnen Patienten zu orientieren und können zur Eingrenzung und Bewertung eines möglichen Kausalzusammenhangs zwischen den Beschwerden und der Exposition lediglich Karenz- und Reexpositionsversuche herangezogen werden.

Da bei vielen Betroffenen Beschwerden im Sinne eines chronischen Müdigkeitssyndroms im Vordergrund stehen, sind in die Differentialdiagnose die derzeit existierenden Arbeitshypothesen und vorgeschlagene Diagnostik zum Multiple Chemical Sensitivity Syndrome (MCS-Syndrom) und Chronic Fatigue Syndrome (CFS-Syndrom) einzubeziehen. Die bisherigen Arbeitsdefinitionen zu MCS sind allerdings unbefriedigend, da weder eine spezifische Symptomatik einzugrenzen ist noch wissenschaftlich belegte Hypothesen zur Pathogenese existieren. Dementsprechend beschränken sich die diagnostischen Empfehlungen auch auf eine detaillierte Expositionsanamnese unter besonderer Berücksichtigung früherer (evtl. hoher) Expositionen am Arbeitsplatz und im Wohn- und Freizeitbereich. Die medizinische Differentialdiagnose erfolgt auch hier systemorientiert.

Bezüglich des sog. chronischen Erschöpfungssyndroms CFS hat eine Arbeitsgruppe des Bundesministeriums für Gesundheit Vorschläge zur Diagnostik und Klassifikation erarbeitet, die kürzlich in einer Übersicht des Deutschen Ärzteblattes publiziert wurden (Fock und Krüger, Dtsch. Ärztebl. 1994). Die Diagnosekriterien der CDC für das chronische Müdigkeitssyndrom und Vorschläge für eine Basisdiagnostik wurden an anderer Stelle veröffentlicht (Ewig in DMW 1993). Neben der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und der Erhebung klinisch-chemischer Routine-Laborparameter wird eine gezielte endokrinologische, immunologische und infektionsserologische Diagnostik, außerdem eine psychiatrische Exploration und fachneurologische Untersuchung vorgeschlagen. Zur anamnestischen Eingrenzung des Symptoms Müdigkeit und seiner eher psychogenen oder somatischen Genese werden Kriterien wie der zeitliche Verlauf, Phasen der Erholung, die Gewichtung des Symptoms, somatische und psychische Begleitzeichen erfragt. Den zum CFS gemachten Vorschlägen zum diagnostischen Procedere läßt sich bei Bestehen einer vergleichbaren Symptomatik auch bei nachgewiesener Holzschutzmittelexposition folgen.

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