Kupfer und frühkindliche Leberzirrhose
Autor: Kaiser / LGA Potsdam

Zusammenfassung des derzeitigen Erkenntnisstandes im Bundesgesundheitsamt (Mai 1994)

Kupfer gehört zu den essentiellen Spurenelementen. Ein ernährungsbedingter Mangel an Kupfer kann zu schweren Erkrankungen führen. Überhöhte Mengen oral aufgenommener, gelöster Kupfersalze können entweder akute gastrointestinale Störungen (Erbrechen, Schmerzen, Durchfälle) auslösen oder chronisch und nahezu symptomlos zu Leberzirrhosen bis hin zum Tod durch Leberversagen führen.

Die gastrointestinale Erkrankung wird oft fehlgedeutet als infektiöse Gastritis oder Enteritis, als Nahrungsmittel Unverträglichkeit oder als allergische Reaktion. Die Lebererkrankung dagegen entsteht erst infolge einer ein bis mehrmonatigen Exposition gegenüber Kupfer und wurde in der Vergangenheit fast immer zu spät erkannt bzw. ebenfalls falsch diagnostiziert.

Gefährdet durch die chronische Kupfer Intoxikation sind nicht nur die Träger der erblichen WILSON Krankheit, sondern auch nicht gestillte Säuglinge, deren Flaschenmilch mit saurem (aggressivem) Wasser zubereitet wird, das aus einer kupfernen Hausinstallation entnommen wurde oder in Heißwasserbereitern aus Kupfer stagniert hatte. Die besondere Gefährdung von Säuglingen ergibt sich aus dem sehr hohen perinatalen Kupfergehalt der Leber des Neugeborenen und ihrem im 1. Lebenshalbjahr nur unzureichend entwickelten Vermögen, physiologisch überhöhte Kupferzufuhren in unschädliche Bereiche abzupuffern.

In Zusammenarbeit mit dem BGA wurden von der Universitäts Kinderklinik München (Prof. Dr. R. Eife) über 300 Verdachtsfälle frühkindlicher Kupfer Exposition in Deutschland anhand von Klinik Akten und aktueller Krankengeschichten gesichtet. Für 14 Todesfälle durch Leberversagen und 10 frühkindliche Leberzirrhosen (davon 6 schwere und 4 leichte) in den Jahren 1980-1992 konnte eine frühkindliche Kupfer Exposition nachgewiesen oder wenigstens wahrscheinlich gemacht werden. In
allen Fällen war das für die Zubereitung der Säuglingsnahrung verwendete Wasser stark sauer gewesen, hatte also nicht den Vorschriften der Trinkwasserverordnung entsprochen, und war mit
kupfernem Installationsmaterial (Leitungen, Boiler) intensiv in Berührung gekommen.

In den wenigen Fällen, wo die nachträgliche Ermittlung einzelner expositionsrelevanter Kupferkonzentrationen noch zuverlässig möglich war, konnte auf durchschnittliche Konzentrationen von mehreren mg Kupfer bis zu über 10 mg Kupfer pro Liter rückgeschlossen werden. Dem steht ein gesundheitlich begründbarer Richtwert unter durchschnittlichen Entnahmebedingungen in Höhe von 1,5 mg/l Cu gegenüber. Durch Beachtung des technischen Regelwerkes (DIN 50930) gemäß den Vorschriften der Trinkwasserverordnung läßt sich dieser Wert sicher einhalten. Gemäß BGA Empfehlung sollte Stagnationswasser aber nicht zur Zubereitung von Säuglingsnahrung verwendet werden.

Die bisher gewonnenen Erkenntnisse haben bereits Eingang in mehrere Presse Erklärungen des BGA, die Begründung des künftigen gesundheitlichen Leitwerts der WHO für Kupfer im Trinkwasser und in eine "BGA Empfehlung bei Abweichungen des pH Wertes von den Vorschriften der Trinkwasserverordnung" gefunden. Weitere Erkrankungen und Risikogruppen, aber auch andere Ursachen neben Kupfer können aufgrund des empirisch kasuistischen Charakters der bis jetzt verfügbaren Daten nach wie vor nicht ausgeschlossen werden.

Eine soeben fertiggestellte Übersicht von Schimmelpfennig und Dieter zu dieser Problematik unter besonderer Berücksichtigung der Differentialdiagnose frühkindlicher Leberzirrhosen einschließlich der kupferinduzierten bzw. assoziierten Formen führt zu Schlußfolgerungen

aus klinischer Sicht:

Frühkindliche Leberzirrhosen sind seltene Erkrankungen.
Bei frühkindlichen Leberzirrhosen sollte zuerst an die typischen
bzw. häufigsten Ursachen gedacht werden (Virusinfektionen,
angeborene Gallenwegs- und Stoffwechselanomalien).
Vor der Diagnose einer kupferbedingten frühkindlichen
Leberzirrhose sind folglich Leber und Stoffwechselerkrankungen
mit Ausgang in Zirrhose auszuschließen.
Es wird empfohlen, beim Vorliegen einer frühkindlichen Zirrhose

Daten über den Kupfergehalt des konsumierten Wassers einzuholen.


aus umweltmedizinischer Sicht:

Nicht gestillte Säuglinge sind gefährdet, wenn ihre Nahrung
regelmäßig mit Leitungswasser zubereitet wird, dessen Kupfergehalt
nach 12 Stunden Stagnation häufig oder dauernd über dem Richtwert
der Trinkwasserverordnung von 3 mg/l liegt.
Eine derartige Richtwert Überschreitung kann entstehen, wenn
saures Brunnenwasser (pH < 6,5) durch Kupferinstallationen
geleitet wird.
Befinden sich Säuglinge in einem Haushalt mit
Eigenwasserversorgung (Hausbrunnen) und/oder (insbesondere neuen)
Kupferinstallationen, sollte das zuständige Gesundheitsamt

vorsorglich zu Rate gezogen werden.



Das Institut für Wasser , Boden , Lufthygiene und mit ihm zusammenarbeitende wissenschaftliche Institute im In und Ausland bemühen sich weiterhin um die Erlangung von Forschungsmitteln für die Durchführung systematischer Untersuchungen zu Epidemiologie und Biochemie dieser schweren, vermutlich aber seltenen Erkrankung.

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Zusammenfassende wissenschaftliche Publikationen

Dieter, H.H.:
Biochemische Essentialität und Toxikologie von Kupfer.
Öff. Gesundh.Wes. 51 (1989) 222 227


Dieter, H.H.; Meyer, E. und R. Möller:
Kupfer Vorkommen, Bedeutung, Nachweis,
in: Die Trinkwasserverordnung. Einführung und Erläuterungen für
Wasserversorgungsunternehmen und Überwachungsbehörden (Aurand K,
et al., Hrsg), Erich Schmidt Verlag Berlin, 3. Auflage 1991, Seiten 472 491


Eife, R.; Reiter, K.; Sigmund, B.; Schramel, P.; Dieter, H.H. und
J. Müller Höcker:
Die frühkindliche Leberzirrhose als Folge der chronischen
Kupferintoxikation.
Bundesgesundh.bl. 34 (1991) 7: 327 329


Eife, R.; Reiter, K.; Sigmund, B.; Schramel, P.; Dieter, H.H. und
J. Müller Höcker:
Die chronische Kupfer Vergiftung über das Trinkwasser,
in: Ökopädiatrie: 1. Münchner Ökopädiatrie Seminar (Böse, S, und
EH Krüger, Hrsg),
Umwelt und Gesundheit e.V., 1993 (ISBN 3 925499 71 7)


Schimmelpfennig, W. und H.H. Dieter:
Frühkindliche Leberzirrhosen und Kupfergehalt des Leitungswassers.
Wissenschaft und Umwelt (im Druck)

World Health Organization:
Guidelines for Drinking Water Quality, 2nd edition (1993).
Vol 2: Health Criteria and other Supporting Information Copper.
WHO, Geneva, 1994 (in press)


Publikationen des Bundesgesundheitsamtes

presse dienste 09/88, 14/90 und 23/93 (zu beziehen über die
bga Presseabteilung)

Empfehlungen des Bundesgesundheitsamtes bei Abweichungen des
pH Wertes von den Vorschriften der Trinkwasserverordnung.
Bundesgesundh.bl. 37 (1994) 4: 177 181


Schimmelpfennig, W. und H.H. Dieter
Institut für Wasser , Boden und Lufthygiene
Corrensplatz 1; 14195 Berlin

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