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Amalgam |
Dr. med. B. Disselhoff, Gießen
Amalgam ist ein seit vielen Jahrzehnten in der Zahnmedizin verwandtes Füllmaterial. Aufgrund seiner mechanischen Eigenschaften, die sich in einer guten Verarbeitungsfähigkeit ausdrücken sowie seiner billigen Herstellung fand es ausgedehnte Verwendung. Es besteht aus einer Quecksilberverbindung mit Silber, Zinn, Zink und Kupfer und anderen Metallen.
Quecksilber ist hochgiftig, und jedes der oben
genannten anderen Metalle kann es für sich auch sein. Schon seit der Einführung des
Amalgam ca. 1830 wurde deshalb immer wieder Kritik gegen seine Verwendung laut, was sogar
zu einem vorübergehenden Verbot in den USA zwischen 1840 und 1855 führte. Allerdings
unterschied sich die damalige Verarbeitung und Zusammensetzung des Amalgams von den
heutigen Bedingungen.
Die Kritik erzeugte stets Gegenkritik; erst seit einigen wenigen Jahren werden die
Amalgamkritiker, nach jahrelangem Abwiegeln, von offizieller Seite wie dem
Bundesgesundheitsamt in ihren Befürchtungen bestätigt. So ist eine krankmachende Wirkung
dieses Zahnersatzstoffes, der in so viele Münder Eingang fand, anerkannt. In der
ehemaligen Sowjetunion wurde er aus diesem Grunde bereits 1986 verboten. In Schweden wird
ein Verbot erwogen. In Deutschland besteht eine Anwendungsbeschränkung des Amalgams bei
Schwangeren und bei Kindern; darüber hinaus sollte die Anwendung nur im Seitenzahnbereich
erfolgen.
Die bei der Amalgamherstellung verwendeten
Mengen Quecksilber sind nicht unerheblich. Vor allem zwei Verbindungen werden
unterschieden: das sog. gamma-2-haltige Amalgam, das sich durch eine höheren Silberanteil
auszeichnet, und das gamma-2-freie, das einen höheren Kupferanteil beinhaltet. Wegen der
höheren Korrosionsresistenz wird heute vor allem das gamma-2-freie bevorzugt, denn mehr
Korrosion bedeutet auch mehr Quecksilberfreisetzung. In Bezug auf den Mengenanteil
Quecksilber unterscheiden sich die beiden allerdings kaum: der Anteil liegt jeweils um
50%.
Je nach Lage, Verarbeitung, Kau- und
Eßgewohnheiten werden aus den Füllungen die Inhaltsstoffe freigesetzt. Besonders
ungünstig sind Füllungen mit großen Bißflächen, die einen entsprechenden Abrieb
ermöglichen, vor allem wenn sie mangelhaft vom Zahnarzt verarbeitet wurden. Bleiben diese
Füllungen dann noch unpoliert (ein eigentlich empfohlener Vorgang, der nach dem
Einsetzten der Füllung in einer zweiten Sitzung stattfinden sollte und der die
Lebenserwartung der Füllung deutlich verlängert) haben sie eine vielfach größere
Oberfläche und geben entsprechend viel Quecksilber ab. Vor allem saure und heiße Speisen
führen zur Freisetzung von Quecksilber, gefördert durch intensives Kauen. Ungünstig
wirkt sich auch nächtliches Zähneknirschen oder aggressivere Zahnpasten durch ihre
Schleifwirkung aus. Ein besonderes Problem entsteht durch die Verwendung verschiedener
Zahnmetalle wie Gold und Silberamalgam. Die unterschiedliche elektrische Ladung der
Metalle führt zu einem meßbaren Stromfluß, der einerseits eine verstärkte Freisetzung
der Amalgaminhaltstoffe bedingt, andererseits den Körper stark irritieren kann.
Wohl unterliegen wir alle einer natürlichen
Belastung durch Quecksilber, das aus der Atemluft und der Nahrung stammt. Diese Menge hat
in den letzten Jahrzehnten bedingt durch die Umweltverschmutzung mit Quecksilber deutlich
zugenommen. Dieses stammt nicht nur aus Zahnarztpraxen, sondern aus Wegwerfbatterien,
Medikamenten (auch homöopathische!), Desinfektionsmittel, Holzschutzmitteln,
Saatgutbeizmitteln, Photoindustrie, Fieberthermometer und anderes mehr. Dank des zumindest
in unseren Breiten gewachsenen Problembewußtseins hat sich hier eine positive Entwicklung
angebahnt: Batterien sind quecksilberfrei erhältlich, weniger Medikamente enthalten
Quecksilber und die Abfälle aus der Zahnarztpraxis werden als Sondermüll entsorgt.
Alles freigesetzte Quecksilber findet
irgendwann seinen Weg in die Luft oder über das Grundwasser in das Meer und von dort
über genossene Meeresfrüchte (vor allem Thunfisch, Muscheln, Krabben) oder auch durch
den früher gebräuchlichen Lebertran wieder in den menschlichen Organismus zurück.
Natürlich wird auch durch mit Fischmehl gefütterte Tiere wie Hühner Quecksilber
aufgenommen. Es findet sich dann im Ei wieder.
Aber trotz dieser äußeren Belastung stammt
das meiste Quecksilber, mit dem sich unser Organismus auseinanderzusetzen hat, aus den
Amalgamfüllungen. Es lagert sich im menschlichen Gewebe ab, vorzugsweise in Leber, Milz,
Niere, und Gehirn, aber auch in Haut und Schleimhäuten und kann dort viele Jahrzehnte
wirken. Nur geringe Mengen können, je nach Art des Quecksilbers, etwa über die Niere vom
Körper ausgeschieden werden.
Drei Quecksilberarten werden unterschieden:
1. Das elementare Quecksilber, das schon bei
Zimmertemperaturen verdampft.
Die Dämpfe sind sehr giftig und werden z.B. beim Kauen, aber auch verstärkt beim
Ausbohren des Amalgams frei, v.a. wenn ein schnell rotierender Bohrer mit entsprechender
Wärmeentwicklung verwandt wird. Aufgrund seiner Fettlöslichkeit dringt das über die
Lungen aufgenommene Quecksilber aus dem Blut in das Gehirn. Den Filter, der das Gehirn
schützen sollte, die sogenannte Blut-Hirnschranke, kann es gut passieren. Etwa 20 Jahre
dauert es, bis sich eine einmal aufgenommene Menge auf die Hälfte reduziert.
2. Das anorganische Quecksilber, das vor allem
aus den Füllungen freigesetzt wird.
Es handelt sich um Salze, die aufgrund ihrer Wasserlöslichkeit hauptsächlich über die
Niere ausgeschieden werden, wenn auch in recht geringen Mengen. Auf die Niere wirken sie
stark schädigend. Durch Mundhöhlenbakterien wird ein Teil des anorganischen Quecksilbers
in
3. Das organische Quecksilber verwandelt, sog.
methylierte- oder halogenierte Verbindungen. Diese fettlösliche, giftige Substanz wird
aus dem Magen-Darmtrakt aufgenommen. Es ist sowohl durch die Plazenta als auch durch die
Muttermilch übertragbar. Als fettlösliche Verbindung bleibt sie wesentlich länger im
Körper verbleiben als die wasserlösliche. Nur ein Teil wird in anorganisches Quecksilber
umgewandelt.
Das eigentliche Problem liegt in der chronischen Vergiftung mit einer gewissen
Quecksilbermenge, die den Körper über viele Jahre belastet. Diese Vergiftung kann schon
mit der Muttermilch beginnen. Dabei ist der Begriff "Vergiftung" umstritten. Ob
eine Substanz giftig ist oder nicht, hängt von ihrer Menge und der Zeit ab, die sie auf
den Körper einwirkt. Eine Rolle spielt auch das Körpergewicht, auf das sich die
Giftmenge verteilt (weshalb Kinder mehr gefährdet sind). Aus der Arbeitsmedizin stammen
nun Mengenangaben, die festlegen sollen, ab welcher Zeit und welcher Menge mit einer
gesundheitlichen Beeinträchtigung des Menschen zu rechnen ist. Erst das Überschreiten
dieser Werte zählt als Vergiftung. Erfahrungen aber mit einer Substanz, die aus
allernächster Nähe und über 24 Stunden auf den Körper einwirkt, wenn auch in kleineren
Mengen, die sich allerdings deutlich in den Organen summieren können, liegen kaum vor.
Dies ist ein Grund, warum alle Warnungen einer
möglichen Quecksilbervergiftung durch Amalgam nicht oder wenig ernst genommen wurden.
Viel schneller anerkannte man die Quecksilberallergie, die zu den klassischen allergischen
Reaktionen gerechnet wird, aber seltener auftritt. Diese Allergie, die natürlich auch
gegen andere Metalle wie das Nickel im Amalgam auftreten kann, ist durch einen Hautest
nachzuweisen. Viel schwieriger ist es aber die schleichende Belastung mit einem Gift zu
fassen, wenn Symptome oft erst nach Jahren nach dem Einbau der Füllung auftreten. Ein
direkter Kausalzusammenhang ist oft schwer nachzuweisen. Dazu kommt eine individuelle
Empfindlichkeit das Menschen gegen über den Giften.
Quecksilber ist ein Zellgift. Es blockiert Enzyme durch Bindung an Metalle. Die Symptome,
die unter der Quecksilberbelastung auftreten können, sind sehr vielfältig. Unter
Umständen nach einem beschwerdefreien Intervall von Jahren treten oft unspezifische
Erscheinungen auf wie:
- Müdigkeit
- Reizbarkeit
- Konzentrations- und Gedächtnisschwäche
- Schlafstörungen
- Depressionen
An körperlichen Symptomen sind u.a. beschrieben:
- Metallischer Geschmack im Mund
- Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule und der Gelenke
- Kopfschmerzen und Migräne
- Schwindel, Zittern der Hände, Sprachstörungen
- Infektanfälligkeit
- Hauterkrankungen
- Allergien
- Veränderungen im Bereich der Schleimhäute
- Magenschleimhautentzündungen
- Darmerkrankungen
- Allgemeine Muskelschwäche
- Nierenerkrankungen
Wie kann nun die Diagnose einer
Quecksilberbelastung gestellt werden?
Die einfache Urinuntersuchung zeigt nach dem Einbau einer Amalgamfüllung nur für etwa 10
Tage einen erhöhten Quecksilbergehalt, dann ergeben sich wieder normale Werte. Grund
dafür ist aber nicht eine echte Entgiftung, sondern ein Einlagern des Metalls in die
Organe wie Nieren, Leber, Gehirn. Auch die Blutuntersuchung reagiert ähnlich.
Aus diesem Grunde empfehlen sich
Provokationstests wie der
-Kaugummitest: hier wird eine gewisse Menge Speichel vor und nach dem intensiven Kauen von
Kaugummi untersucht. Ein erhöhter Quecksilbergehalt nach dem Kauen zeigt eine
Abriebbelastung durch die Füllungen auf. Neben dem Quecksilber kann der Speichel auch auf
Zinn, Silber, und Kupfer untersucht werden. Auch die Atemluft kann auf Quecksilberdämpfe
geprüft werden.
-DMPS-Test: Nach der Entnahme einer Urinprobe wird der Komplexbildner DMPS (Handelsname
Dimaval) injiziert. Dieser bindet sich an die Metalldepots in den Organen, löst einen
Teil davon und wird über die Niere wieder ausgeschieden. Es erfolgt eine zweite
Urinuntersuchung, die einen erhöhten Quecksilbergehalt aufweisen kann. DMPS kann so auch
als Entgiftungstherapie eingesetzt werden. Es ist aber kein unproblematisches Medikament
und hat viele mögliche Nebenwirkungen, so daß der Einsatz in die Hand von Fachleuten
gehört. Bei Kindern wird anstelle der Injektion eine Kapsel mit dem vergleichbarem Stoff
DMSA verabreicht, das über den Darm ausgeschieden wird, so daß anstelle der Urinproben
zwei Stuhlproben untersucht werden.
Neben den Provokationsverfahren existieren eine Reihe von Testverfahren aus der Naturheilkunde:
- Die Auriculodiagnostik nach Nogier: ein
aussagekräftiges Verfahren ohne weitere Belastung für den Patienten. Die Diagnose
geschieht über den Puls. Das Verfahren zeichnet sich durch eine gute Reproduzierbarkeit
der Ergebnisse aus.
- Die Elektroakupunktur nach Voll. Etwas bekannter als das erstgenannte Verfahren. Über
elektrische Messungen werden Belastungen festgestellt.
- Bioresonanztherapie oder Moratherapie. Ebenfalls ein elektrisches Messverfahren. Es
wird, wie die anderen Verfahren auch, von den Krankenkassen nur bedingt anerkannt.
Eine galvanische Belastung durch einen Stromfluß zwischen verschiedenen Zahnmetallen kann
durch spezielle Voltmeter erfolgen. Eine Röntgenaufnahme (Panoramaaufnahme) zeigt
Metalldepots im Kiefer oder Zahnfleisch auf. Depots im zentralen Nervensystem können
durch spezielle bildgebende Verfahren erfaßt werden. Die von Hautärzten durchgeführte
Allergietestung, bei dem die Testung über die Haut geschieht, gibt keine Aussage über
eine Amalgamunverträglichkeit oder Amalgambelastung, sondern stellt nur die echte
Allergie fest.
Eine Amalgamentfernung sollte nur erfolgen, wenn eine Belastung sicher festgestellt ist.
Bei der Entfernung wird der Körper einer erneuten hohen Quecksilberzufuhr ausgesetzt.
Einige Möglichkeiten, diese Belastung zu vermindern, haben sich bewährt:
Der Kofferdam ist eine Abdeckung, die nur den zu behandelnden Zahn freiläßt.
Vor allem das Verschlucken der
Amalgambröckchen und das Versprengen von Füllungsteilen in das Zahnfleisch wird
vermindert. Eine ausreichende Absaugung und Frischluftzufuhr vermindert die Einatmung der
Quecksilberdämpfe. Hochtourige Bohrer sollten vermieden werden. Die Möglichkeit zur
Mundausspülung muß gegeben sein. Die Einnahme von Zink und Selen hilft das in den
Körper aufgenommene Amalgam zu binden und auszuscheiden. Die Einnahme sollte schon vor
der Behandlung erfolgen.
Das reine Ausbohren des Zahnmaterials stellt
keine Entgiftung dar. Eine Ausleitung durch z.B. homöopathische Medikamente oder in
schweren Fällen durch Komplexbilder wie dem erwähnten DMPS ist empfehlenswert, um auch
das in den Geweben aufgenommene Metall zu erreichen.
Amalgam sollte nicht mehr als Füllstoff verwandt werden. Alternative Materialien wie
Gold, Keramik und Kunststoff können aber jeweils auch Probleme bereiten. Es gibt kein
ideales Material, sondern die Auswahl eines Füllstoffes muß immer eine individuelle
Abwägung zwischen jeweiligem Nutzen und Schaden bleiben.
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