Radioaktivität
10 Jahre nach dem
Reaktorunfall Tschernobyl Daten und Fakten
Quelle: GSF- Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit Neuherberg

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Auswirkungen auf die Bundesrepublik Deutschland Bodenkontamination durch den Tschernobyl-Unfall 1986 Leitnuklid Cäsium-137 (Cs-137)
Strontium-90 (Sr-90)
Plutonium

Zusätzliche Äquivalentdosis durch den Tschernobyl-Unfall

Biologische Strahlenfolgen
Situation in der Ukraine,
Weißrußland und Rußland
Strahlenexposition der Liquidatoren
Gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung in der Ukraine, Weißrußland und Rußland
Akute Strahlenkrankheit bei Liquidatoren
Gesundheitszustand bei der Gesamtbevölkerung

Literatur

Bis heute leiden in den betroffenen Gebieten Menschen, Umwelt und Wirtschaft an den Folgen. Wir stellen einen Überblick zur Belastungssituation und zu den gesundheitlichen Auswirkungen zusammen.

Auswirkungen auf die Bundesrepublik Deutschland
Bodenkontamination durch den Tschernobyl-Unfall 1986

Leitnuklid Cäsium-137 (Cs-137)

Die schweren Regenfälle südlich der Donau während des Durchzugs kontaminierter Luftmassen führten im Süden zur Deponierung deutlich höherer Radionuklidmengen als im Norden Deutschlands:

südlich der Donau im Mittel 16.000 Bq/m2
in München 19.000 Bq/m2
im Bayerischen Wald teilweise 30.0000 Bq/m2
im Südosten Bayerns bis zu 80.000 Bq/m2
in Norddeutschland im Mittel 4.000 Bq/m2


Im Vergleich dazu beträgt die Gesamtdeposition durch oberirdische Kernwaffenversuche an Cs-137 bis 1986 ca. 4.000 Bq/m2. Die Bodenkontamination durch den Tschernobyl-Unfall an Cs-137, die 1996 noch meßbar ist, beträgt aufgrund der physikalischen Halbwertszeit von 30 Jahren zwar noch etwa 80 % der oben genannten Mengen. Wegen der stark zurückgegangenen Pflanzenverfügbarkeit und der Wanderung in tiefere Bodenschichten ist die Strahlenexposition durch Cäsium auf weit weniger als die Hälfte zurückgegangen.

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Strontium-90 (Sr-90)

In München betrug die durch den Reaktorunfall verursachte Bodenkontamination durch radioaktives Strontium 200 Bq/m2. Die Gesamtbelastung durch oberirdische Kernwaffentests an Sr-90 beträgt hier 2500 Bq/m2. Die daraus resultierende Strahlenexposition ist geringer als die durch Cs-137.

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Plutonium

Die Bodenkontamination durch den Tschernobyl-Unfall an Plutonium-238, -239, -240 betrug in München 54 mBq/m2 (Millibecquerel). Die daraus resultierende Strahlenexposition ist geringer als die durch Cs-137.

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Zusätzliche Äquivalentdosis durch den Tschernobyl-Unfall

Die durch den Reaktorunfall resultierende zusätzliche Strahlenexposition der deutschen Bevölkerung wurde je zur Hälfte durch die Nahrungsmittel bzw. durch die externe Bestrahlung verursacht. Die mittlere zusätzliche Strahlenexposition (intern und extern) beträgt summiert über die volle Lebensdauer 0,7 Millisievert (mSv), südlich der Donau steigt dieser Wert auf 1,5 mSv, im Voralpengebiet bis zu 2,5 mSv.

Die natürliche Strahlenbelastung über die volle Lebensdauer beträgt dazu im Vergleich ca. 200 mSv, dieser Wert schwankt je nach Wohnort zwischen 100 und 400 mSv (1 - 5 mSv pro Jahr). 1.000 m Höhenunterschied führen beispielsweise pro Jahr zu 0,15 mSv erhöhter externer Strahlenbelastung.

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Biologische Strahlenfolgen

Aufgrund der geringen Strahlenexposition sind in Deutschland bisher keine strahlenbiologischen Effekte bei Menschen, Tieren und Pflanzen beobachtet worden und auch in Zukunft nicht zu erwarte

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Situation in der Ukraine, Weißrußland und Rußland

Gesamtflächenbelastung an Cs-137 durch den Tschernobyl-Unfall 1986

Durch den Reaktorunfall wurden große Flächen der Ukraine, Weißrußlands und Rußlands (ca. 30 % Waldflächen, ca. 60 % Agrarflächen) radioaktiv kontaminiert. Davon sind 145.000 km2 (Kontrollzone) mit einer Cs-Flächenaktivität von 37.000 Bq/m2 - 185.000 Bq/m2 belastet. In diesem Gebiet leben 7 Millionen Einwohner.

Eine Cs-Flächenaktivität von 185.000 Bq/m2 - 555.000 Bq/m2 (freiwillige Umsiedlung) findet man in folgenden Gebieten:

Ukraine: 4.600 km2 mit 253.000 Einwohnern (Januar 1995)
Weißrußland: 16.500 km2 mit 314.000 Einwohnern (Januar 1996)
Rußland: 8.100 km2 mit 440.000 Einwohnern (Januar 1995)

Folgende Gebiete sind mit 555.000 Bq/m2 - 1,5 Mio. Bq/m2 belastet (Zone, die evakuiert werden muß):

Ukraine: 1.500 km2 mit 52.000 Einwohnern (1995)
Weißrußland: 6.400 km2 mit 41.000 Einwohnern (1996)
Rußland: 2.400 km2 mit 112.000 Einwohnern (1995)

Neben Cs-137 spielte Jod-131 eine große Rolle für die Strahlenexposition der Bevölkerung. In der Umgebung von Tschernobyl war die J -131 -Flächenaktivität bis zu 30mal so groß wie die Cs-137-Flächenaktivität.

Gebiete, deren Cs-137-Aktivität mehr als 1,5 Mio. Bq/m2 beträgt (3.000 km2), wurden vollständig evakuiert (zum Beispiel die Stadt Pripjat mit etwa 50.000 Einwohnern) und dürfen nicht mehr bewohnt werden. Trotz dieses Verbots leben zum Beispiel in der 30-km-Zone um den Reaktor etwa 750 sogenannte Rückkehrer. Die mittlere Lebensdosis für Personen, die sich zum Zeitpunkt des Unfalls in der hochexponierten Zone aufgehalten haben, wird durch den Unfall auf etwa 120 mSv geschätzt. Individuell kann sie bis zu 400 mSv betragen. Dazu kommt die natürliche Strahlenexposition von ca. 200 mSv.

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Strahlenexposition der Liquidatoren

Etwa 200.000 "Liquidatoren" wurden zwischen 1986 und 1987 für erste Maßnahmen zur Begrenzung der Katastrophe eingesetzt. Die durchschnittliche Strahlenexposition der Liquidatoren während dieser Zeit beträgt 100 mSv, 10 % haben eine Dosis bis zu 200 mSv erhalten, einige Prozent bis zu 500 mSv und nach offiziellen Angaben nur einzelne Personen mehr als 500 mSv. Insgesamt haben 600.000 - 800.000 Liquidatoren in der 30-km-Zone gearbeitet. Die Aufgaben der Liquidatoren waren Arbeiten zur Begrenzung des Unfalls, Dekontamination des Reaktorgeländes, Errichtung des Sarkophags, Dekontamination von Häusern und Geräten, Straßenbau und die Entfernung von radioaktiv belasteten Bäumen, Böden, Baumaterialien und Geräten. In dieser Zahl sind auch weitere Personengruppen wie zum Beispiel Ausbilder, Kantinenpersonal, Dolmetscher, technisches Personal enthalten. Dies erklärt die unterschiedlich hohe Strahlenbelastung der Liquidatoren.

Evakuierung der hoch-kontaminierten Gebiete

Vom 27. April bis Mitte August 1986 wurden insgesamt 116.000 Personen evakuiert (92.000 Ukrainer und 24.000 Weißrussen).

Diese Menschen erhielten eine mittlere Strahlendosis von etwa 50 mSv. 10 % davon eine Dosis zwischen 50 und 100 mSv und 5 % über 100 mSv. Es gibt Individualwerte bis zu 400 mSv. Die geschätzte Lebensdosis von Personen, die bis 1990 in hoch kontaminierten Gebieten gelebt haben, beträgt 160 mSv. Bis 1995 wurden weitere 52.500 Ukrainer, 106.500 Weißrussen und 47.500 Russen umgesiedelt. Das unbewohnte Gebiet in der Ukraine, in Weißrußland und in Rußland umfaßt insgesamt 4.300 km2.

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Gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung in der Ukraine, Weißrußland und Rußland

Durch die Radiojodexposition in der Ukraine und insbesondere in Weißrußland kam es vor allem bei Kindern zu hohen Schilddrüsendosen. Seit 1988 steigen Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Jugendlichen, die zum Zeitpunkt des Unfalls jünger als 18 Jahre waren, stark an. 1986 wurden zum Beispiel in Weißrußland insgesamt 2 Fälle, 1988 5 Fälle, 1990 29 Fälle und 1995 91 Schilddrüsenkrebsfälle gefunden. Insgesamt sind bis 1.1.1996 bei der beschriebenen Personengruppe 424 Fälle an Schilddrüsenkrebs dokumentiert. Die Zahl der Personen, die zum Zeitpunkt des Unfalls zwischen 0 und 18 Jahre alt waren und bis 1996 Schilddrüsenkrebs bekommen haben, wird für Ukraine, Weißrußland und Rußland auf 1.000 geschätzt (ca. 400 in der Ukraine, 500 in Weißrußland, 100 in Rußland). Bisher sind von dieser Personengruppe drei Jugendliche an Schilddrüsenkrebs verstorben.

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Akute Strahlenkrankheit bei Liquidatoren

237 Liquidatoren wurden in der Klinik 6 in Moskau behandelt. 31 Personen davon sind 1986 in den ersten Wochen nach dem Unfall an den akuten Folgen der Strahlenexposition verstorben. Bis 1.3.1993 sind weitere 14 Liquidatoren verstorben. Einige davon sind nicht unmittelbar an den Strahlenfolgen sondern zum Beispiel an Herzinfarkt gestorben. Eine Steigerung der Leukämie-, Lymphom- und Schilddrüsenkrebsfälle wurde nur bei Liquidatoren, die 1986 eingesetzt waren, gefunden. Bei der Gesamtgruppe der Liquidatoren wurde in der wissenschaftlichen Literatur bisher keine statistisch relevante Erhöhung von auf Strahlung zurückführbaren Tumoren im Vergleich zur Gesamtbevölkerung beschrieben. Mündlich wurde allerdings von einer Verdopplung der Leukämiefälle (52 statt 26 erwartete) und der Schilddrüsentumore (ca. 55 statt 20 erwartete Fälle) unter den 152.000 russischen Liquidatoren berichtet. Deutlich erhöht ist die Selbstmordrate bei Liquidatoren. Die Ukraine definiert im Gegensatz zu Rußland als Todesursache durch den Tschernobyl-Unfall nicht nur die unmittelbare Strahlung, sondern auch Veränderungen der Lebensbedingungen wie zum Beispiel Streß. Die Zahl von 2.500 Todesopfern enthält damit auch Unfälle, Herz-/ Kreislauferkrankungen oder Selbstmord als Tschernobyl-bedingte Todesursache.

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Gesundheitszustand bei der Gesamtbevölkerung

Der Gesundheitszustand der gesamten Bevölkerung in der Ukraine, in Weißrußland und in Rußland verschlechtert sich aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Situation dramatisch, die Lebenserwartung hat in den letzten 10 Jahren um 5 Jahre abgenommen. Bei vielen Krankheiten wie zum Beispiel Erkrankungen des Nervensystems, bösartigen Tumoren, Geburtsfehlern, Zuckerkrankheit und Immunschwäche wird ein Zusammenhang mit dem Tschernobyl-Unfall diskutiert. Für diese Erkrankungen liegt allerdings bisher in der Literatur kein wissenschaftlich abgesicherter Zusammenhang mit direkten Strahlenwirkungen durch den Reaktorunfall vor. Durch die fortdauernde Strahlenexposition bleibt in den höher kontaminierten Gebieten theoretisch ein geringes Zusatzrisiko an Leukämieerkrankungen, anderen Krebserkrankungen und einer möglichen Erhöhung der Rate von Erbschäden. Statistisch wurden solche Erhöhungen jedoch bisher nicht deutlich.

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Literatur

M. l. Balnov, P. Jacob, l. Kikhtarev, V. F. Minenko, First International Conference of the European Commission, Belarus, Russian Federation and Ukraine on the Radiological Consequences of the Chernobyl accident, 1996

Bericht der drei Tschernobyl-Minister, Minsk, On the post-Chernobyl situation in Belarus, Russian Federation and the Ukraine, 1996

E. Cardis, International Agency for Research on Cancer, Lyon, EU, IAEA, WHO, International Conference One decade after Chernobyl, Wien, Estimated long term health effects of the Chernobyl accident, 1996

EU, IAEA, WHO, International Conference One Decade After Chernobyl, Wien, Consequences of the accident, 1996

P. Jacob, GSF-Forschungszentrum für Umwelt- und Gesundheit, München, Strahlenexposition der Bevölkerung in Weißrußland, Rußland und in der Ukraine durch den Reaktorunfall von Tschernobyl, 1996

A. Karaoglou, G. Desmet, G. N. Kelly, H. G. Menzel, Minsk, The radiological consequences of the Chernobyl accident, 1996

A. M. Kellerer, GSF-Forschungszentrum für Umwelt- und Gesundheit, München, Erwartete und beobachtete gesundheitliche Effekte in der GUS, Journalistenseminar in Köln, 1996

H. G. Paretzke, GSF-Forschungszentrum für Umwelt- und Gesundheit, München, Kontamination, Strahlenexposition und Strahlenrisiko in der BRD, 1996

C. Reiners, Universität Würzburg, Schilddrüsenkrebs bei Kindern aus Weißrußland, 1996

G. Wagemaker, Erasmus Universität, Rotterdam, EU, IAEA, WHO, International Conference One Decade After Chernobyl, Wien, Clinically observed effects in individuals exposed to radiation as a result of the Chernobyl accident, 1996

E. D. Williams, Effects on the thyroid in population exposed to radiation as a result of the Chernobyl accident, 1996

Autoren: H.-J. Haury und B. Froese
GSF- Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit Neuherberg/Presseinformation

 

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